Gelehrte Moralapostel + Verfassungsgericht

Ein interessanter Artikel von Ulf Poschardt: http://www.welt.de/kultur/article108400168/Moralterror-der-neuen-deutschen-Gelehrtenrepublik.html Er hat einige nachdenkenswerte Aspekte. Aber ob das, was dort steht, richtig ist? Da habe ich meine Zweifel. Gelehrte messen die Politik an ihrer eigenen idealistischen Welt, die Politik (wie auch die Wirtschaft) müssen jedoch den Alltag in den Griff bekommen. Und weil die idealistischen Gelehrten die Politik an diesem Maßstab messen, fallen sie hochmütig und arrogant über die Politiker her und verehren das Bundesverfassungsgericht und den Bundespräsidenten.

In diesem Zusammenhang fällt auch das Wort, dass Moralapostel selten gute Menschen waren. „Die Moral als Unterdrückungs- und Kontrollapparat hat kulturell und mental gerade im Mutterland des Protestantismus ungeheure Flurschäden hinterlassen.“ An diesen Satz mag man gerne einen Psychiater setzen. Entsprechend ein Satz aus der Zeit: http://www.zeit.de/2012/30/Puritanismus : „Der Wächter der Tugend ist immer auch Pornograf, der Sittenpolizist produziert unweigerlich die Bilder, die er bekämpft.“ Aha, möchte man da nur sagen. Und wenn man das Umdreht: der Pornograf ist immer auch ein Tugendwächter? Der Hersteller unsittlicher Bilder immer auch ein Sittenpolizist? Da ist wohl die Dialektik mit den Reitern durchgegangen. Dieser letztgenannte Artikel schließt mit der Aussage: „Die Krise hatte in Amerika ihren Ursprung, sie sprang auch auf Europa über. Folgerichtig erhalten wir aus Amerika auch Reparaturanleitungen. Sie lauten: innerweltliche Askese, mannhafte Tüchtigkeit, vor allem aber weibliche Zucht. Das ersehnte große Wirtschaftswachstum hat eine ordentliche Sexualmoral zur Voraussetzung.“ Das soll, wenn man dem Duktus des Artikels folgt, sicher eher ironisch gemeint sein, weil der Artikel die Isis mit ihrem durchsichtigen Schleier bevorzugt. Aber diese hier geschilderte Moral steht eben in der Tradition des Christentums. Und somit ist sie auch in Europa nicht ganz unbekannt.

Dieser Artikel über das Verfassungsgericht ist insgesamt begründeter und nachvollziehbarer – gegen alle sonst zu lesenden Schnellschüsse: http://www.zeit.de/2012/30/Verfassungsgericht . Er zeigt auf, dass das Bundesverfassungsgericht schon immer grundlegende politische Fragen begleitete und in seinen Urteilen neue Handlungsoptionen eröffnete. Je nachdem wie nun das Urteil zu den EU Finanzen ausfällt: Es ist damit kein Ende von irgendwas gegeben, sondern von der Verfassung her gesehen legitimierte Weiterführung eines Weges.

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