Lumpensammler 5

1.

Muss man auch Menschen, die Unterordnung lieben, die mit Freiheiten nicht zurechtkommen, helfen, diesem ihrem Ziel, diesen ihren Sehnsüchten näher zu kommen? Paulus wettert gegen die Galater, weil sie sich wieder unter das Gesetz stellen wollen, sich vom Gesetz knechten lassen wollen. Er liebt die Freiheit in Christus. Manche kommen mit der Freiheit nicht zurecht und suchen die Versklavung. Von daher kann ich es schon verstehen, wenn sich manche Menschen nach den gesetzlichen Regeln mancher Religionen sehnen. Freilich bin ich doch eher ein Liebhaber der Dialektik: Ein Christenmensch ist ein freier Herr – und gleichzeitig ein Knecht…

2.

Die Grundlage christlichen Glaubens sind: Das Wort Gottes, der Geist Gottes, die Gemeinschaft. Die Beziehung Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott finden hierin ihren Ausdruck. Diese drei sind freilich unterschiedlich zu interpretieren, zu gewichten. Und so gibt es eine große Bandbreite an Christen. Die einen sind stärker vom Alten Testament geprägt – und auch gesetzlicher. Die anderen sind eher vom Glauben und seiner Freiheit geprägt – und darum liberaler. Zwischen diesen beiden Positionen: Gesetz und Freizügigkeit sind Christen zu positionieren. Und das ist nichts Neues – das finden wir schon bei Paulus, der zwischen beiden zu vermitteln sucht – besser: beiden Kontra bietet und den Christus entsprechenden Weg zu gehen fordert: Einmal die Christen, die das Gesetz betonen – dann die Christen, die ihre eigenen Süchte und Sehnsüchte betonen. Paulus selbst stellt dem die Freiheit des Menschen entgegen, der gebunden an den Geist Gottes den Glauben – somit ein Leben in Heiligkeit – lebt.

Aber diese Extreme bleiben durch die Kirchengeschichte hindurch wirksam. Auf der einen Seite wird versucht, den christlichen Glauben zu eine Ideologie umzuprägen: Starres Weltbild, Festhalten an dem, was der eine oder andere für besonders christlich hält, Ausschluss von anderen, die da nicht mitmachen können, Bekämpfung anderer mit allen Mitteln. Auf der anderen Seite: Emanzipation von allen Forderungen und der Mensch selbst sieht sich als Maßstab: Der Glaube legitimiert mich – was auch immer ich will: Sexuelle Freizügigkeit (was bei Paulus schon eine Rolle spielt), Machtdemonstrationen…

Hinzu kommt noch ein Aspekt: Ich sehe mich als Teil einer Gruppe – und die Grundlage dieser Gruppe wird über den christlichen Glauben gestellt. Auch das finden wir schon im Neuen Testament. Ich bin Jude – also ist der christliche Glaube dem Judentum unterzuordnen. Das wurde dann staatspolitisch weitergeführt: Christen gehören dem Staat, haben sich somit der Staatsdoktrin zu unterwerfen. Christen sind Teil eines Volkes, einer Nation – haben sich somit diesen Grundlagen anzupassen.

Christen, die das Gesetz über alles stellen, sich und ihre Befindlichkeit, ihre Nation usw. – bilden die Extreme.

Mit Jesus Christus beginnt die Freiheit des Glaubens – und diese hat Paulus erkannt und weitergeführt. Freiheit bedeutet jedoch nicht, dass jeder einfach tun und lassen kann, was er will, sondern dass er gebunden ist an einen Maßstab: dem Wort Gottes, dem Geist Gottes, den Kindern Gottes. Nur ist dieser Maßstab variabel. Denn das Wort Gottes = Bibel kann seit Jesus nicht mehr als Gesetzbuch gesehen werden. Der Heilige Geist bringt Freiheit in der Gebundenheit – aber was bedeutet das? Und die Kinder Gottes, das heißt die Gemeinschaft der Gemeinde ist auch immer eine lebendige, keine starre Größe. Und das überfordert viele und so suchen sie vor allem aus der Bibel ein Gesetzbuch zu machen – was dann in der Kirchengeschichte zu unterschiedlichen Gruppen und Grüppchen führte, die jeweils meinten, das Gesetz besser erfüllen zu können. Es führte auch zu einer Kirche, die Menschen in Gesetze und Gebote presste. Ich sehe das nicht nur negativ. Der Mensch benötigt einen festen Maßstab. Und der ethische Maßstab, den die Christen boten, war zu Beginn des Christentums auch besonders verlockend, weil die Antike so einen nicht bieten konnte. Bei den Christen wusste man, woran man war: Man half einander, man nahm Ausgesetzte auf, man konnte seine desolate Vergangenheit hinter sich lassen, die chaotische Sexualität wurde in Bahnen gelenkt, politisch wusste man sich von Gott abhängig und nicht von den jeweiligen wechselnden Herrchen, es gab einen roten Faden, der sich durch den gesamten Lebensalltag zog: Gottes Liebe fordert von mir ein liebendes Lebens. Man sah seine große Bedeutung als Mosaiksteinchen des Handelns Gottes mit der Welt zum Guten. Der Maßstab des Paulus: Prüfet alles, das Gute behaltet, birgt freilich auch Gefahren in sich,und zwar dann, wenn man das Gute nicht mehr aus dem christlichen Glauben sehen mag, sondern aus der Perspektive der Tradition. Gut ist, was ich von meiner Tradition her mitgebracht habe. Nicht mehr der Glaube ist damit Maßstab, sondern die Tradition.

Die große Befreiung der Christen kam mit Konstantin dem Großen im Jahr 312/313. Nach Jahrzehnten der Verfolgung, der Unsicherheiten kam der Durchbruch: Wir sind anerkannt. Konstantin hatte erkannt, dass im Christentum das einzige Potential lag, den römischen Staat noch zusammenzuhalten. Auch das hatte zwei Seiten: Christen wurden von einem Machtpolitiker eingespannt, der nun versuchte, die Vielfalt des Christentums mit staatlicher Gewalt zu vereinheitlichen. Ob Konstantin selbst Christ wurde, weiß man nicht, er als Machtpolitiker stand über dem Glauben. Und das durchzieht die gesamte folgende Kirchengeschichte. Machtmenschen große und kleine, bedienten sich des riesigen Potentials des Christentums, Menschen zu führen. Herrscher ob Christen oder nicht, meuchelten einander, führten ihre jeweiligen Völker in den Krieg gegeneinander, kleinere zerrten andere vor Gerichte ließ sie verbrennen, köpfen, was auch immer. Ich denke da an Jean d´Arc. Zahlreiche Kreuzzüge wurden gegen Christen geführt – mehr als gegen den Islam. Als das Christentum Macht bekam, fand im Grunde eine ständige Auseinandersetzung statt zwischen den unterschiedlichen Formen des Christentums. je mehr man sich in der Kirchengeschichte auskennt, desto mehr wundert man sich darüber, das der christliche Glaube bei einzelnen Menschen so gar keine Spuren hinterlassen hat: Man verfolgte sich gegenseitig mit einem Hass, der mit den Grundlagen christlichen Glaubens nichts mehr zu tun hat; man vernichtete Andersdenkende mit einer Inbrunst, die jegliche Infizierung mit christlichem Gedankengut nicht erkennen lässt. Auch wenn alle möglichen Leute unter den großen und kleinen Potentaten ächzten und stöhnten: In der gesamten Zeit gab es auch Menschen, die versucht haben, den christlichen Glauben in seiner wahren Größe zu leben – manche von ihnen wurden dann später auch zu Heilige erklärt. Um Jean d´ Arc zu nennen: Nicht der sie verfolgende Machtmensch, der Bischof wurde heilig gesprochen, sondern sie. Aber an Jean d´Arc sehen wir auch etwas anderes: Es gibt sonderbare Heilige. Denn sie wäre im frühen Christentum niemals als Heilige erwählt worden, weil sie mit Waffengewalt und aus nationalen Gründen zur Kämpferin geworden ist. Die frühe Kirche war gegen das Militär, gegen Gewalt schlechthin – und so hat, soweit ich sie kenne, jeder Heilige und jede Heilige auch ihre Schattenseiten, gemessen am Maßstab der frühen Kirche. Selbst der große Bernhard von Clairvaux – der sich von den Kreuzzügen begeistern ließ – hat eben eine solche Schattenseite. Und das zieht sich bis in die Gegenwart hin: Große Christinnen und Christen, Heilige, berühmte Menschen – sind heilig, nicht, weil sie sich immer und in allem so wundervoll verhalten haben, sondern sind wie die kleinen Christinnen und Christen heilig, weil sie aus der Vergebung und der Gnade Gottes leben.

3.

Gott Vertrauen entgegenbringen – trotz eines sehr schlimmen Erlebnisses: http://www.pro-medienmagazin.de/fernsehen.html?&news[action]=detail&news[id]=4801

Auch diese Seite sei angegeben: http://kondolenzbuch.geistbewegt.de/

4.

Moscheen nur bauen, wenn in islamischen Ländern Kirchen gebaut werden dürfen. Die ersten Christen lebten auch ohne Kirchen. Warum? Wo Christen sind, da ist Gott – das Herz ist der Tempel des Gottesgeistes, sagte Paulus. Wir müssen nicht so eng sein. Und wenn Kirchen zu Moscheen umgebaut werden, ist das zwar traurig, weil es ein Zeichen dafür ist, dass Menschen, die sich der Gemeinde Gottes zugehören fühlen, weniger werden. Aber ansonsten gilt das Gesagte: Christen benötigen diese Machtdemonstrationen von ihrer Wurzel her gesehen, nicht. Denn: Wo sie sind ist Gott.

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