Soziale Verwahrlosung

Alle großen Religionen bekämpfen die soziale Verwahrlosung und versuchen, Menschen ethisch auf eine sozialverträgliche Ebene zu heben. Wir Christen haben die Vorgaben von Juden übernommen, ebenso der Islam. Buddhisten streben den Regeln des Buddha nach und – da es keinen Hinduismus als solchen gibt, sondern nur sehr viele Strömungen, die als „Hinduismus“ zusammengefasst werden, gibt es auch in ihm Strömungen, die das mehr oder weniger versuchen.

Jede dieser Religionen hat aber ihre Besonderheit. Das Judentum hat seine Gesetze im Alten Testament – und den Interpretationen, die in Talmud und Mischna zu finden sind. Der Islam hat den Koran und das Vorbild des Mohammed, das in der Sunna zu finden ist – mit Blick auf das Paradies. Der Buddhismus hat die Regeln Buddhas – und die KarmaLehre, die gute Taten verlangt, um entweder das Ziel (Nirwana) zu erreichen oder eine bessere Wiedergeburt. Der christliche Glaube fasst die alttestamentlichen Gesetze in den Worten Jesu zusammen: Liebe Gott und deinen Nächsten. Das heißt: diese alttestamentlichen Gesetze (konzentriert in den 10 Geboten) stehen als Voraussetzung des Liebesgebotes im Hintergrund. Darüber hinaus ist Jesus als Mensch Vorbild, zum anderen ist er als Christus derjenige, dem sich Christen als ihren Herrn zuordnen.

Nun gibt es in allen Völkern – obgleich sie alle das Ziel haben, den Menschen sozialverträglich zu machen – jedoch auch massive Unterschiede in der Grundlage und der Äußerung der Ethik. So sind Gehorsamsethik zu unterscheiden von Verantwortungsethik. Gehorsamsethik unterwirft Menschen Gesetzen, Verantwortungsethik lässt dem Individuum Freiräume usw.

Wo sind atheistische Strömungen einzuordnen? Soweit ich die populistischen atheistischen Ansätze wahrnehme, handelt es sich eher darum, viele alte religiöse Regeln zu bekämpfen. Sie leben auf dem Rücken der christlichen Religion und werden so vor sozialer Verwahrlosung geschützt. Letztbegründungen fehlen, fehlen auch bewusst, weil das einzelne Individuum selbst entscheiden soll. Das dahinterstehende Menschenbild ist eher ein modernes euroamerikanisches Bild: Der Mensch ist gut und weiß, was er zu tun hat. Die alten Religionen haben im Laufe der Jahrtausende aufgrund der Ambivalenz des Menschen eben diese rigideren Regeln geschaffen: Der Mensch ist ein liebenswürdiger Drecksack – und darum tut es ihm gut, wenn er an Regeln des Zusammenlebens gebunden wird.

Welcher dieser ethischen Ansätze wird sich durchsetzen? Welches ist menschenfreundlich, das heißt: welches lässt dem Menschen einen möglichst großen Freiraum, bindet ihn jedoch gleichzeitig an den Mitmenschen? Welches ist eher menschenfeindlich, das heißt: Welches engt den Menschen ein, unterwirft ihn einem ihm fremden Gesetz? Welches ist menschenfeindlich, indem es den Menschen den Starken, Mächtigen, Gewalttätigen, Gruppen ausliefert?

Ich vermute einmal ganz untheologisch, rein immanent: Weil wir Menschen von Jesu Christi Sichtweise geschnuppert haben, kommen wir nach allen selbst zu verantworteten chaotischen Zuständen immer wieder dahin zurück: Liebe Gott und deinen Nächsten. Gesetzlichkeit wie Libertinismus und alle religiös-ideologischen Zwischenzustände werden dem Menschen nicht gerecht – und darum werden Menschen immer wieder zur Lehre von Jesus Christus zurückkehren: Liebe Gott und deinen Nächsten (Doppelgebot) bzw.: Was du willst, dass dir die Leute tun, dass tue ihnen (Goldene Regel – nicht zu verwechseln mit: Was du nicht willst…!).

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