Wahrheit

Was ist Wahrheit? Sind Fakten Wahrheit? Fakten können falsch sein oder richtig, sie können gelogen sein oder wahr. Aber sind sie “Wahrheit”?

Das hebräische Verständnis von Wahrheit umfasst mehr als korrekt wiedergegebene Fakten. Überhaupt ist das Wahrheitsverständnis der Antike anders als das, was man heute so landläufig unter Wahrheit verbucht.

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Ist das “Wahrheit”? Das ist ein Bild, das gemacht wurde. Das Bild ist nicht die Blume mit Sonnenstrahlen, sondern nur ein Bild, das an einem ganz bestimmten Tag zu einer ganz bestimmten Stunde, aus einem ganz bestimmten Winkel gemacht wurde. Verlassen wir das Bild und gehen in die Wirklichkeit zurück, die das Bild wiedergibt. Die Wirklichkeit, die das Bild wiedergibt, ist nur ein ganz klitzekleiner Ausschnitt aus der es in der Fülle umgebenden Wirklichkeit. So ist der Vogelgesang, die Temperatur, der leichte Wind, die nähernde Abendstimmung, das Summen der Insekten, der Fotograf… Teil dieser Wirklichkeit. Sie bilden somit Wahrheit – aber eben auch nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtkomplex Wirklichkeit dieses Bildes.

Wenn wir immer weiter gehen, dann erkennt man die Wahrheit, die der Glaubende empfindet – zumindest ein klein wenig: Gott als Schöpfer der Schönheit, Gott als Schöpfer dessen, dass der Mensch das empfinden kann, Gott als Erhalter der Schöpfung, Gott als der, der den Menschen dazu beauftragt, achtsam, sorgfältig mit der Schöpfung umzugehen, Gott, der alles in seiner Hand hält und diese gesamte Materie mit Leben be-Geist-et – somit durch seinen Geist leben lässt.

Das bedeutet: Hinter den Fakten steckt Wahrheit – die zu erfassen, ist dem Menschen immer nur annähernd möglich – am weitesten kommt er im Glauben. Und das lässt sich auf alle Ebenen des Menschseins ausdehnen: auf Chemie, Physik, Biologie, Psychologie, Theologie, Technik, Anthropologie, Dendrologie, Philosophie …

Christen sehen hinter all dem denjenigen, der sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Jesus Christus laut Johannesevangelium) – aber ob sie die Wahrheit in ihm ganz erfassen können…?

Freilich kommt dieses Wahrheitsverständnis der Intention von Anselm von Canterbury nahe. Davon zu unterscheiden ist zum Beispiel das Wahrheitsverständnis von William James, der als Kriterium für Wahrheit den Nutzen für die Lebenspraxis ansieht. Dass der christliche Glaube Nutzen für die Lebenspraxis hat, ist hinlänglich erwiesen – aber um dieses Wahrheitsverständnis geht es in diesem Beitrag nicht.

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