Antisemitismus + Antijudaismus + säkularer Antijudaismus

In einem Artikel zum Thema Grass schreibt Broder über den Antisemitismus: http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article106173484/Grass-macht-die-Antisemiten-endlich-modern.html Lesenswert.

Ich würde noch etwas hinzufügen – weil es meines Erachtens in der Grass-Diskussion manchen nicht klar zu sein scheint -: Man sieht Antisemitismus häufig in Bezug auf den Nationalsozialismus. Ein Mensch ist kein Neonationalsozialist – also kann er auch kein Antisemit sein. Das ist falsch. Antisemitismus bzw. Antijudaismus sind eigene vom Nationalsozialismus unabhängige Größen. Von daher können Linke, Christen, Muslime usw. usw. Antisemiten bzw. Antijudaisten sein, ohne etwas mit dem Nationalsozialismus irgendwas am Hut haben zu müssen. Der Nationalsozialismus hat das – vor allem im 19. Jahrhundert aufkommende – rassische Element hervorgehoben. Er hat also antisemitisch agiert. Doch der Antijudaismus muss sich nicht rassisch äußern, sondern eben gegen Juden aus religiösen Gründen.

Ich würde jedoch noch eine Kategorie einführen: den säkular-religiösen Grund. Das heißt, dass auch Atheisten Juden vorwerfen können, Volk Gottes zu sein – sie glauben zwar nicht an Gott, aber sie lehnen die Besonderheit des Volkes ab (um meinerseits nicht missverstanden zu werden: Israel ist nicht Volk Gottes, weil es unfehlbar und so toll wäre – sondern weil Gott sich zu seinem Volk bekannt hat). Oder: Grass dachte sicher nicht an Juden als „Rasse“ – aber auf säkular-religiöse Handlung weist mich die Tatsache hin, dass Grass sein Pamphlet gerade zu Passa veröffentlicht hat, einer Zeit, in der christlicher Antijudaismus vielfach Hochkonjunktur hatte. Auch die islamische Tradition denkt nicht an Rasse – sondern es handelt sich um eine religiöse Abwehr – um die Gegnerschaft gegen eine Konkurrenzreligion. Gott hat seinen Bund mit Israel geschlossen – und das finde manche überhaupt nicht gut. Gott solle lieber den Bund mit Mohammeds Stamm geschlossen haben – das fänden sie besser. Doch das hat er eben nicht. Von daher ist das jüdische Volk ein Stein des Anstoßes für den Islam – wie es das für das Christentum war. Denn Christen standen auch einmal auf dem Standpunkt: Gott soll seinen Bund mit den Heiden-Christen geschlossen haben – nicht mit diesem Volk Israel. Durch den jüdisch-christlichen Dialog sind wir Christen sensibel geworden und haben nach Antworten gesucht. Und so haben wir mit Paulus (Römerbrief 11) entdeckt, dass wir als Christen aus den traditionellen Heidenvölkern an den Baum des Volkes angepfropft sind, oder mit dem Epheserbrief 2: Wir Christen aus den Heidenvölkern sind zu dem Volk hinzugekommen. Das Volk Israel ist unsere Wurzel, aus der wir Leben. Judentum ist keine Konkurrenz, sondern es ist Mutterreligion. Vor allem kam ja auch Jesus Christus aus diesem Volk – und im Glauben an Jesus Christus sind wir in Jesus Christus seinem Volk zugeführt worden. (Freilich hat das wieder einen negativen Aspekt für manchen Juden, weil sie das nicht so sehen können, denn Gott wird Heiden nicht so zu seinem Volk hinzufügen – auch nicht in Jesus Christus. Dass sich der Glaube von Juden und Christen eben an Jesus Christus scheidet, dürfte hinlänglich bekannt sein.) Der Islam wird aufgrund vollkommen anderer geschichtlicher Konstellation andere Antworten finden müssen. Er wird nicht daran vorbeikommen. Denn auch er kann nichts daran ändern, dass sich Gott mit diesem Volk verbunden hat. Und die Säkularen, die Atheisten, die Gott ablehnen? Für sie kann Israel keine besondere Bedeutung haben. Aber vielleicht sollten sie ein wenig demütig sein vor der Geschichte. Auch sie werden nicht an Gott vorbeikommen – auch wenn sie nicht an ihn glauben (wollen).

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