Meine Einstellung zum Islam

Ein Blog bringt es leicht mit sich, dass es zu Missverständnissen kommt. Das hängt damit zusammen, dass der Autor eines Beitrags nicht immer wieder alles neu erklären kann, es auch nicht von allen Seiten vor Missverständnissen bewahren kann – sondern kurz und bündig das schreibt, was ihm in dem Augenblick einfällt. Ich nehme zu allem mit spitzen Worten eine Stellung: zu den Parteien, zu Regierungen, zu Kirchenleitungen – aber da das Thema Islam überwiegt, möchte ich Grundsätzliches darlegen. Für Euch, die Ihr den Blog intensiv verfolgt, wird nichts Neues gesagt werden.

(a) Der Islam ist wie jede andere Religion auch ein interessantes Gebilde. Er hat Teil an den Religionen wie die anderen großen Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum) auch, er ist Ausdruck religiöser Gefühle wie andere Religionen auch. Und von hier aus gilt mein Respekt den Angehörigen aller Religionen. Wir Menschen sind Suchende. Mal meinen wir, hier das Ziel gefunden zu haben, mal dort. Und das gilt auch für Menschen, die sich als Atheisten ansehen. Aber den Raum, frei suchen zu können, sich frei für oder gegen eine Gruppe entscheiden zu können, den darf niemand in Frage stellen – weder Christen, noch Atheisten, noch Ideologen welcher Couleur auch immer, ob links ob rechts – aber auch Muslime nicht. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit – aber in unserer Gesellschaft sehen wir auch heute: Man muss alle grundlegenden Rechte immer wieder neu einfordern, durchzusetzen versuchen. Ausruhen auf das, was die Väter und Mütter mit Blick auf die Menschenrechte geleistet haben, das gibt es nicht.

(b) Religionen haben – wie andere gesellschaftliche Gruppierungen auch, einschließlich Atheisten – immer auch das Bestreben politisch aktiv zu werden. Der Hinduismus sucht in seiner Extremform wieder durchzusetzen: Indien den Indern – weil Islam und Christentum ihm zu sehr auf die Pelle rücken. Buddhisten suchen ihre Nische zu behalten, notfalls auch – wie es so schön heißt: Mit robusten Maßnahmen. Christentum und Islam sind an dieser Stelle aktiver, sie suchen Gesellschaften zu durchdringen. Wie die Geschichte zeigt: hat das Christentum der ersten dreihundert Jahre sehr pazifistisch gelebt und dann stellenweise politisch brutal aufgedreht – nicht im Einklang mit Jesus bzw. dem Neuen Testament; und der Islam hat von Anfang an mit Mohammed zu robusten Maßnahmen gegriffen, um seinen Glauben durchzusetzen. Der Islam ist durch Mohammed von Anfang an auf politische Herrschaft ausgerichtet, Religion ist mit Politik verwoben, während das Christentum eher das Individuum im Blick hat, nicht die Herrschaft im Staat. Von daher kann man auch über die Situation in islamischen Staaten sprechen – aber nicht von christlichen. Denn die gibt es außer dem Vatikanstaat nicht.

(c) Religionen wie andere Gruppierungen auch, sind in unserer Gesellschaft angehalten, sich zivilisiert zu benehmen, das heißt, mit Argumenten ihre Meinung durchzusetzen – auch im Widerstreit mit anderen: Eine Kommunikationsgesellschaft ist darauf angewiesen, dass man die Wahrheit, das, was man als solche ansieht, nicht verschweigt, aber mit der nötigen Achtung vertritt. Doch was das bedeutet, Achtung, das muss ausgehandelt werden. Manche empfinden das als Missachtung, wenn man mit klaren Worten sagt, was Sache ist, andere finden es eine Missachtung, wenn man durch blumige Texte nie zum Kern kommt. Kurz: Man muss miteinander reden. Manche Kulturen haben das nicht so gelernt – und wir blicken stolz auf einen Martin Luther, Voltaire, Heinrich Heine, auf einen Kurt Tucholsky, auf Kabarettisten und Karikaturisten, die spitz und scharf mit der Feder Dinge, die falsch laufen, den Menschen bewusst machen. Manche Menschen unserer Kultur freuen sich nur über vergangene Kritiker – aber gegenwärtige gesellschaftspolitische Kritiker finden sie nicht so besonders gut, denn sie leben noch und machen das Leben manchmal nicht einfacher. Ich wünschte mir manchmal einen Luther, Voltaire, Heine, einen Tucholsky – deren Kritik würde unseren Kritik-Kritikern die Schamesröte ins Gesicht zaubern. Aber wie dem auch sei: unsere Gesellschaft kommt auch heute zum Glück nicht daran vorbei – auch wenn es keinen Heine und Tucholsky und Karl Kraus gibt.  Nun zurück zum Islam:

(d) Mir liegt also das miteinander Reden und auch Handeln am Herzen. Denn der Alltag selbst bietet für gutmeinende Menschen keine Streitpunkte. Wichtiger als religiöse Streitereien ist es, friedlich den nicht leichten Alltag zu bestehen. Freilich sehe auch ich, dass es hier schon beginnt, nicht leicht zu werden, wenn man das Grundgesetz und Grundwerte unserer Gesellschaft als Maßstab nimmt: Würde aller Menschen, mühsam erkämpfter Tierschutz… Die muslimischen Sprecher in unserem Land wissen schon, warum das Grundgesetz – wenn überhaupt – von ihnen nur mit Bauchgrimmen angenommen werden kann. Aber die Sprecher muslimischer Gruppen sind nicht „die Muslime“ – von daher erhoffe ich mir von meinen muslimischen Mitmenschen hier Selbstständigkeit gegenüber diesen Führern, ob sie nun in Deutschland leben oder im Ausland.

(e) Dann geht es freilich auch um grundsätzliche Fragen, denn die können nicht außen vor gelassen werden. Warum nicht? Weil Extremisten keine Rücksicht nehmen. Und wenn man den Deckel auf den Topf halten will, kann einem irgendwann einmal alles um die Ohren fliegen. Und da denke ich zum Beispiel an die Salafisten. Es hat lange gedauert, bis die Medien und Politik endlich einmal reagiert haben – wie viele Jugendliche sind inzwischen in das Netz von Pierre Vogel (alias Abu Hamsa) und co. geraten! Falsche Rücksichtnahme gegenüber Radikalen bekommt einer Gesellschaft nicht. Und ich denke mal, dass auch Christen das Recht haben, die Angriffe solcher Menschen aufzunehmen und ihnen zu begegnen. Wer nicht weiß, wovon ich rede, sollte sich mal die Mühe machen und zum Beispiel unter Pierre Vogel (youtube) recherchieren.

(f)  Und auch liberale Muslime geraten unter Druck ihrer radikalen Brüdern und Schwestern. Und ich sehe es als meinen Beitrag an, liberale Muslime (die es laut Erdogan nicht gibt) zu unterstützen, damit sie eben nicht unter Druck geraten. Wenn sie von der Gesellschaft allein gelassen gegen die Extremen kämpfen müssen, erfordert das einen zu hohen Preis – und wenn sie dann umkippen, wer kann es ihnen verdenken?

(g) Und diese Unterstützung gilt auch angesichts von Extremen in den Reihen der alteingesessenen Bevölkerung. Menschen sind im Blick, und mit Menschen muss man menschlich umgehen, was auch immer sie glauben, sagen, tun. Aufgrund unserer christlichen und aufgeklärten Tradition haben wir das gelernt – und wir dürfen nicht mehr dahinter zurückfallen, auch wenn andere das (noch) nicht gelernt haben. Bei manchen meiner deutschstämmigen Zeitgenossen merke ich auch, dass nur ein ganz dünnes Häutchen der Zivilisation sie vor den Unmenschlichkeiten ihrer Gesinnung schützt. Ihnen sei noch mal gesagt: Es geht gegen Ideologien, die Menschenrechte einschränken wollen, nicht gegen Menschen.

(h) Wir leben nicht auf der Insel der Seligen. Und von daher können friedliebende Muslime in unserem Land eben auch nicht so tun, als würden sie nicht im Licht ihrer Geschichte und dem Licht ihrer Brüder und Schwestern in den Islamischen Staaten leben und beurteilt werden. So werden ja auch wir Christen immer wieder für das haftbar gemacht, was die Väter in den letzten Jahrhunderten an Unmenschlichem geleistet haben. Wer schaut auf die großen Leistungen? Man redet sie klein, weil man eben die dunkle Seite betonen möchte. Die Deutschen werden haftbar gemacht für ihre Unmenschlichkeit vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gruppen sind Teil der Vergangenheit, aber auch Teil derer, die in der Gegenwart das allgemeine Geschehen bestimmen. Entsprechend sehe ich es auch als meine Aufgabe an, verfolgte Christen immer wieder ins Rampenlicht zu rücken – nicht nur Verfolgte in islamischen Staaten, sondern auch durch Hindus, Nordkorea, China… Ich möchte auch Fatwas nicht verschweigen, die uns kurios vorkommen, weil das zeigt, worüber man in manchen islamischen Ländern diskutiert, man bekommt die Mentalität mit – und das ist grundlegend, wenn man den anderen verstehen will. Wenn in meinem Blog religiös motivierte Gewalttaten genannt werden – ist uns bewusst, dass sie dort, wo sie verübt werden, als Heldentaten angesehen werden können? Wenn ein Blog im fernen Germany darauf hinweist – fühlen sich die Täter nicht geehrt? Wie der Mann, der die israelische Fahne in Ägypten von der Botschaft gerissen hat: Was war der stolz darüber! Muslime in unserem Land stehen freilich ständig unter Rechtfertigungsdruck: Wer sagt uns, dass der Bau einer Moschee nicht irgendwann auch dazu benutzt wird, andere zu bekämpfen? Wie in Nigeria, Indonesien…? Welche Muslima weist mit ihrem Kopftuch darauf hin, dass sie nicht die Unterdrückung der Frau in islamischen Staaten unterstützt? Und darum kommt es bei allen Beteiligten auf Ehrlichkeit an. Man muss einander vertrauen können, verlässlich sein. Und dazu gehört es auch, einander respektvoll (s. Abschnitt (c) und argumentativ die Meinung zu sagen. Ich selbst stehe im Gespräch mit so manchem Muslim und lerne viel daraus. Ich habe Begegnungen, die mir zeigen: Der Mensch ist anders, handelt anders, weil er es von seiner Kultur (und damit Religion) so kennt – aber er ist herzensgut und ich möchte lieber mit ihm zu tun haben, als mit so manchen Menschen aus meinem Kulturkreis. Andererseits hat man auch schon so manche Enttäuschung erlebt. Aber diese dürfen nicht das Tun bestimmen.

(i) Und für mich ist noch ein Aspekt wichtig: Religion, Atheismus, Politik, Kulturen… als Ausdruck des Menschen dürfen nicht immer bierernst behandelt werden. Sie haben Teil an den berühmten „Irrungen und Wirrungen“. Man muss auch freier sein, denn darf man als Mann einer Frau die Hand geben? Welcher Frau, dieser ja, dieser nein? Das kann doch zu fröhlichen Irritationen führen – ohne dass sogleich einer beleidigt ist. Trägt eine Muslima ein Kopftuch, ja, nein – meine Güte, wenn sie es denn will? (Trägt eine Muslima das Kopftuch freiwillig, wenn sie es vom Kopf nimmt – aber dann, wenn sie islamische Bekannte sieht, schnell auf die Haare aufzieht?) Freilich, das dahinter stehende Menschenbild muss allgemein diskutiert werden, denn: Dürfen Mädchen vom Sport / Schwimmen / Klassenfahrten / Sexualkundeunterricht ausgeschlossen werden? Da verliert die Frage ihre Leichtigkeit. Kann man hier verlangen, dass auch das nicht bierernst diskutiert wird? (Die Angst vor der Hölle ist die Hölle.) Wahrscheinlich wäre es dann paradiesisch auf der Erde. Aber grundsätzlich: Unsere Gesellschaft sollte das Grundgesetz verteidigen, nicht aufweichen lassen – sollte aber auch auf der Basis des Grundgesetzes werben, sollte so attraktiv sein, dass sich manche Diskussion erübrigt, weil sich alle in ihr wohl fühlen. Manchmal bin ich halt ein Träumer.

(j) In der Apostelgeschichte sagt der Statthalter Festus zu Paulus: „Du bist von Sinnen! Das viele Wissen macht dich wahnsinnig!“ Ich hätte es selbst nicht gedacht, aber: Je mehr einer von den Vorgängen in der Welt weiß, desto erschrockener wird er, desto weniger kann er einfach so leichthin plaudern und schreiben. Von daher: Wenn einer mit Blick auf den Islam und ideologischen Gruppen wenig Ahnung hat, sollte er bedenken: Je mehr einem die Menschen am Herzen liegen, die Menschenrechte einem ein Anliegen sind, desto schwerer fällt es, sachlich und neutral zu bleiben.

(k) Andererseits: Wir Christen können gelassen bleiben. Gott hält die Fäden in seiner Hand. Und wir haben keine andere Aufgabe, als in seinen Spuren das Unsere zu tun.

Eine Art Fazit:

Wer den Islam angreift, sollte sich fragen: Wie stehe ich zu den Menschenrechten?

Wer den Islam verteidigt, sollte sich fragen: Wie stehe ich zu den Menschenrechten?

Impressum auf www.wolfgangfenske.de

Kommentare sind geschlossen.