Viel Feind, viel Ehr + Türkei

Je mehr Gegner man sich einbildet, als desto ehrenvoller scheinen manche das zu empfinden. Oder? Warum mögen die Türken niemanden? Eben. Dann kann man alle zu Gegnern erklären – keiner mag uns, also mögen wir auch keinen – und sehr stolz sein über das, was man sich einbildet. Vielleicht kann man sich das soziopsychologisch so denken: Sagen wir mal, die EU gibt der Türkei viel Geld, tritt für Menschenrechte (auch angesichts der Kurdenfrage) ein. Türken mögen die EU nicht (54%). Denn die EU mindert den Stolz. Also wird die EU für feindlich erklärt, damit man wieder stolz sein kann. Oder die Amerikaner halten militärisch die Hand über die Türkei. Das mindert den Stolz ja immens. Wir alten Osmanenkrieger sind schwächer als die Amerikaner. Die Amerikaner sind sowieso gegen uns – also lehnen wir die Amerikaner ab (64%). Israelis sind sowieso Pfuiba, weil sie den armen Palästinensern nicht Jerusalem schenken (71%), die Armenier stören sowieso (74%) und die üblen Griechen wollen Zypern zurück (69%) – außerdem wollten die nicht von den Türken beherrscht werden, übel, übel. Alle sind sowieso unter türkischer Würde – übrigens mögen Türken auch Araber nicht besonders – klar, man hatte in der Vergangenheit so seine Händel miteinander (39%) – finden sie aber immer noch besser als die Europäer. http://www.thememriblog.org/turkey/blog_personal/en/37427.htm und http://www.setav.org/ups/dosya/35086.pdf (gefunden über pi – freilich hatte ich das Thema vor einiger Zeit schon mal im Blog). Wenn Erdogan so auftrumpft, als sei die Türkei der Mittelpunkt der Welt, dann hängt das damit zusammen, dass Minderwertigkeitskomplexe überwunden werden müssen. Völker mit Minderwertigkeitskomplexen sind nicht ungefährlich, weil sie leicht ausrasten können. Haben die Türken wirklich Minderwertigkeitskomplexe und Selbstüberhebung nötig? Nein. Es ist ein schönes Land, sie haben großartige Menschen – ich meine das wirklich nicht ironisch. Vielleicht wissen sie nicht so recht, wohin sie eigentlich gehören, hin und her gerissen zwischen dem christlichen Europa und ihrem muslimischen Asien-Glauben. Fühlen sich zumindest die, die aus den asiatischen Gegenden kommen http://de.wikipedia.org/wiki/Turkv%C3%B6lker –  in dem vor nicht einmal 600 Jahren (14. Jahrhundert; Konstantinopel/Istanbul fiel 1453) eroberten Land – die heutige Türkei – noch nicht so wohl wie damals in der alten Heimat.

Apropos Türkei: Dort herrscht Wahlkampf. Die Regierung kämpft gegen die Opposition. Die ist sicher klug beraten, sich zurückzuhalten – wer weiß, vielleicht werden sie von Erdogan alle zu Militärs erklärt. Als Beleidiger Allahs muss sich der Chef einer Oppositionspartei schon mal bezeichnen lassen – kein geringer Vorwurf in einem Land, in dem das faschistische Gesicht der Religion immer deutlicher sichtbar wird: http://www.welt.de/politik/ausland/article13366338/Erdogan-fuehrt-Opposition-als-Gotteslaesterer-vor.html Übrigens: Woher kommen wohl belastende Videos von Oppositionspolitikern? Dient da der Geheimdienst nicht dem Staat, sondern der Partei des Erdogan? Das wäre doch ein Thema für die Opposition. Aber, wie gesagt, wer mag schon gerne freiwillig ins Gefängnis. Erdogans Partei will mehr Demokratie – das heißt: Islamismus muss die Chance haben, sich auszubreiten. Er argumentiert wie unsere Zeitgenossen in unserem Land: Türkische Kinder, lernt türkisch, damit ihr euch integriert. Baut türkische Schulen und Kindergärten, damit die türkischen Staatsangehörigen in unserem Land integriert werden. Lehrt den Islam, damit die Muslime liberaler werden! Lasst die Extremen Lehrpläne machen, damit die Kinder nicht extreme Muslime werden. Deutsche, lernt türkisch, damit die Türken in Deutschland ankommen.  Und als Zuckerle: Würzburgs Beflaggung mit türkischen Fahnen – wobei diese nicht besonders gern gesehen wurde und entfernt wurde: http://www.welt.de/politik/deutschland/article13370609/Oberbuergermeister-laesst-Tuerkei-Fahnen-abmontieren.html Fünf deutsche und fünf türkische Fahnen durften hängenbleiben. Echt? Damit man weiß, wo man sich befindet: Im deutschen Türkenland im türkischen Deutschland?

Wenn ich solche Sprüche wie zum Beispiel „viel Feind, viel Ehr“ verwende, dann schaue ich immer nach, ob sie nicht irgendwie von National-Sozialisten geprägt worden sind. Und bei diesem Spruch ist interessant, wie alt er ist. Georg von Frundsberg hat ihn 1513 gesprochen: http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_von_Frundsberg

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