Schmidt-Salomon

Das Buch von Schmidt-Salomon: Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (2011 6. Auflage) – hat viele Worte. Es gibt nicht Gut und Böse, sondern nur Wohl und Wehe. Gut und Böse sind Folgen moralische Vorstellungen der Tradition, die zu vielen Übeln geführt haben, unter anderem zu den Taten des Nationalsozialismus, Kommunismus usw. Diese Taten sind nach den ethischen Beurteilungsmustern jedoch nicht böse oder gut, weil die Akteure aufgrund der traditionellen Vorgaben usw. so handeln mussten – aber das heißt für ihn freilich nicht, dass man diese Taten tolerieren muss, denn sie führten zum „Wehe“. Und Schmidt-Salomon sucht den Menschen von diesen Traditionen zu lösen, ihn zu einem Wesen anzuleiten, das nicht in moralischen sondern in ethischen Kategorien denkt, das heißt alles rational, empirisch erfasst. Folge: Man kann gelassen sein, vergeben statt vergelten, Fehler eingestehen, ein glückliches, solidarisches Leben führen. Als Mensch, der Worte Jesu kennt, erkenne ich so manches wieder, Worte Jesu wurden allerdings in einer härteren, brutaleren Gesellschaft erkämpft – freilich muss sich Schmidt-Salomon von Jesus lösen, denn Jesus gehört ja auch zur alten Gut-Böse-Tradition. Schmidt-Salomon gehört nicht zur Tradition des Gut-Böse, sondern hat dieses Übel überwunden und gehört zur Spezies, die Wohl und Wehe kennt. Er gehört also nicht zu den Moralischen, sondern zu den Ethischen. Und dafür möchte ich ihm von Herzen gratulieren.

Spannend finde ich seine Worte „Zu guter Letzt“. Mit ihnen sagt er, dass er nicht möchte, dass sein Buch zu einer Art neuen Bibel werden solle. „Es wäre mir lieber, es würde mit völliger Nichtbeachtung gestraft, als dass auf seinem Fundament `Kirchen der Unschuld´ entstehen würden.“ Das wünsche ich mir auch. Andererseits wäre Nichtbeachtung nicht recht. Denn es ist ein Buch, das teilhat an der menschlichen Sehnsucht danach, dass der Mensch sich endlich ändert – zu einem Wesen, das anderen kein Wehe bereitet. Und es ist ein Buch, das Ausdruck unserer doch verhältnismäßig kultivierten Gesellschaft (dummerweise in der moralischen Tradition, denn die Wohl und Wehe-Gesellschaft gibt es ja noch nicht) ist. Man darf dabei nur nicht an Menschen zum Beispiel im Kongo denken… – es ist ja auch für uns in West-Europa geschrieben worden.  Dass unsere Gesellschaft möglichst schnell ihren kultivierten Touch verliert, daran arbeiten sehr viele Totengräber – Schmidt-Salomon gehört dankenswerterweise nicht dazu.

Was seine „frohe Botschaft“ betrifft: Mich als einen, der Jesus Christus vertraut, sehe das alles naturgemäß anders, als Schmidt-Salomon. Darum beschleicht mich das bange Gefühl: Hoffentlich wird es wirklich nicht zur „Bibel“ welcher Art auch immer (auch nicht das „Manifest des evolutionären Humanismus„), denn eine Gesellschaft, die sich so verkrampft von Gott lösen möchte, hat es bisher jedenfalls immer nur zum Abgott das heißt zur Unmenschlichkeit gebracht. Geht es nicht mit den friedliebenden Glaubenden zusammen? Nein, Schmidt-Salomon möchte sich und seine Gesinnungsgenossen als solche ansehen, die erwachsen geworden sind, die sich von solchen kindischen Glaubenden lösen müssen. Ich beobachte jedoch in meiner Umwelt: Ein Erwachsener kann sich eher sachlich mit seinem Kinderglauben auseinandersetzen. Es ist das Vorrecht der Jugendlichen, sich von allem distanzieren zu müssen, was sie prägte, um – als Erwachsener irgendwann wieder dahin zurückzukommen.

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