Erdbeben, Tsunami, Lissabon 1755

Ich möchte an das Erdbeben Lissabon 1755 erinnern. Es war nicht allein ein sehr verheerendes Erdbeben, das tausenden von Menschen das Leben gekostet hat, sondern es hatte auch Auswirkungen auf die Philosophie. Philosophen waren vielfach davon überzeugt, dass alles in der Natur gut und zweckmäßig sei, alles läuft ab wie am Schnürchen. Mit dem genannten Erdbeben wurde aller Optimismus begraben – und es kam vermehrt wieder die Frage der Theodizee auf: Wie kann ein gerechter Gott das zulassen? Eine Frage, die nicht nur die Theologie, sondern vor allem auch den Atheismus bis heute beschäftigt: Sie ist mit der Grund dafür, gegen die Existenz eines Gottes zu argumentieren. Während für die christliche Theologie das Leiden im Kontext des Glaubens gesehen werden kann (denn die grundsätzliche Frage erhob sich schon mit dem Leiden und dem gewaltsamen Tod Jesu, des vollkommenen, des liebenden Gottessohnes Jesus; a. auch Hiob, Psalm 22 u.v.a.), ist es der Ratio, dem Verstand immer wieder eine Anfechtung – und somit eine der Grundlagen der Gotteskritik.

Eine Antwort haben wir nicht, und wenn es Antworten gibt: Sünde des Menschen, Natur ist halt so, der Mensch muss lernen, alles zu beherrschen…, dann sind sie unbefriedigend. Christlichem Glauben wird immer wieder deutlich: Im Leiden müssen Glaubende nicht allein sein, weil sie um die Gegenwart dessen wissen, der gelitten hat und ins neue Leben auferweckt wurde, sie dürfen wissen, dass der Ruf, mein Gott, warum hast du mich verlassen, ein Echo des Schreies Jesu am Kreuz ist – auf die Gott mit der Auferweckung Jesu reagiert hat. Und: Christen leiden mit, sie wenden sich mit Jesus Leidenden zu, mit Jesus versuchen sie, Leiden zu mindern.

Es gibt keine rationale Lösung der Theodizee-Frage: Wir stehen mit unserem Leben immer mittendrin – und müssen mit dem Leben darauf reagieren. Wenn Leiden Gott verdrängt – hat das Leiden gesiegt – ich als Glaubender will nicht zulassen, dass das Leiden siegt.  

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