Homosexualität 2

In der neutestamentlichen Zeit war nicht bekannt (was auch heute noch umstritten ist), dass die Neigung zu gleichgeschlechtlichen Menschen angeboren ist, sie wurde also allein als sexuelle Verirrung heterosexueller Männer angesehen. Ebenso kannte man aus den heidnischen Kreisen aufgrund der gesellschaftlichen Situation (Herren benutzten Sklaven; Gewalttäter missbrauchten Wehrlose) nicht, dass auch zwischen Homosexuellen Liebe entstehen kann. Darum kommt man heute vielfach zu einer anderen Bewertung der Homosexualität. Aus meiner christlichen Perspektive gilt (wenn man sie nicht wie in vielen christlichen Gruppen ablehnt) das, was auch für Ehen gilt: Sie hat die Würde des Menschen zu berücksichtigen und Ehebruch auch unter Homosexuellen ist abzulehnen. Grundlage für diese Sichtweise ist: Jesus nahm die Menschen so an, wie sie waren. Zwar mussten sie ihr sündiges Wesen ablegen, aber wenn Homosexualität ein Teil der menschlichen Sexualität ist, dann ist sie  nicht der Sünde zuzuordnen, sondern als Variante in der Schöpfung zu akzeptieren. Sie ist aber in den Rahmen des einander respektierenden sexuellen Miteinanders insgesamt zu stellen. (Wobei der Fokus mancher – wie auch der Medien – beim Christopher-Street-Day auf üble Auswüchse gerichtet ist. Der Alltag ist unspektakulärer – vielfach wegen der Vereinsamung / Bindungslosigkeit vieler Schwuler trauriger.) Wie die neutestamentlichen Autoren zeigen, ist das Alte Testament genauso wenig wie das Neue Testament ein Gesetzesbuch – sondern: durch den Geist Gottes hat jeder Mensch sein Leben vor Gott und der Gemeinde so zu leben, wie er es – freilich mit dem Neuen Testament als Maßstab – in Liebe verantworten kann. Fehlbar und abhängig von der Vergebung durch Gott. 

Vielleicht klingt das für viele blasphemisch, aber ich ziehe da doch eine Parallele: Frühe Judenchristen waren dagegen, dass Heiden in die christliche Gemeinde aufgenommen wurden – das war für sie sehr, sehr schlimm – und wir verstehen sie, wenn wir das Alte Testament lesen, denn da kommen sie ja zu Wort. Petrus reagierte laut Apostelgeschichte gegen seine alttestamentliche Tradition, gegen das Gesetz: Auch sie haben den Heiligen Geist bekommen, also was können wir Menschen dann dagegen haben, wenn Gott selbst von ihnen Besitz ergreift? Und so muss ich auch von Schwulen, die ich kenne, sagen: Auch sie haben den Heiligen Geist bekommen. Wir sind manchmal viel kleinlicher und abgrenzender als Gott selbst. Und gerade als Heterosexueller hat man in dieser Frage einige emotionale Widerstände zu überwinden, die nicht unbedingt religiös begründet sind – und darum auch nicht religiös verbrämt werden dürfen.   

Freilich halte ich es für fatal, Christen oder auch andere Menschen, die das anders sehen, zu zwingen, meine Sichtweise anzunehmen oder irgendeinem vermeintlichen Mainstream anzupassen. Wenn einer keine Christen mag, dann soll er uns meiden – was soll man ihn zwingen, mit mir näher zu tun zu haben? Und das gilt auch für andere Gruppen. Es gilt das Hin und Her der Kräfte, die Gesellschaften formen. Argumente und Verhaltensweisen sind auszutauschen und nicht zu unterdrücken, zu ersticken, mit allen Mitteln zu bekämpfen. Irgendwann wird sich die eine oder andere Sichtweise durchsetzen. Und wer medial, emotional, verbal, körperlich, juristisch gewalttätig seine Meinung durchsetzt, muss bekanntlich nicht im Recht sein.  

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