Geheimnis der Religionen

Religionen haben eine für alle wahrnehmbare Oberfläche – aber auch eine Tiefendimension, die auf den ersten Blick nicht wahrnehmbar ist. So wissen viele, dass es in unserer christlichen Religion die Bibel gibt – aber die Bedeutung für einzelne Menschen, für Gruppen, für ganze Völker, die dieses Buch hatte und hat, lässt sich oberflächlich gesehen nicht begründen. Das gilt auch für andere kulturelle Ereignisse: Eine Nationalhymne ist oberflächlich betrachtet ein Lied. Doch kann es Tiefendimensionen ansprechen. Oder Symbole: Sie sind oberflächlich gesehen einfach Zeichen. Doch können die Symbole zu tiefgehenden, Menschen ergreifenden Zeichen werden. Das gilt ebenso für die Natur: Ein Gras ist wie die Schnake oberflächlich betrachtet ein Grashalm und eine störende Schnake. Dennoch empfinden Menschen die Natur auch in anderen, tieferen Dimensionen als Leben schlechthin. Ein Gemälde ist oberflächlich betrachtet: Farbe und Leinwand. Auch dieses verbirgt tiefere Dimensionen. Religion kommuniziert, konzentriert solche tiefergehenden Erfahrungen. Oberflächlich gesehen kann man nicht erkennen, warum Religionen sich voneinander abgrenzen: haben sie doch alle irgendeinen Glauben an Gott/Götter oder damit verbundene Weltanschauungen. Aber von dieser Tiefendimension her gesehen werden sie zu ganz eigenständigen Größen, die tief gehen, sich fest in der Seele der Glaubenden verankern, die das jeweilige Individuum in seiner Persönlichkeit prägen. Die Frage ist: Wie können die Menschen miteinander auskommen, wenn sie einander unter diesen verschiedenen Voraussetzungen begegnen? Christen kennen in der Nachfolge Jesu folgenden Weg: Verkündigung in Wort und Werk und das Martyrium. Das bedeutet: Menschen der anderen Religionen werden mit diesem Gottes-Weg bekannt gemacht, damit sie sich in ihrer seelischen Tiefe vom Gottesgeist ergreifen lassen. Zwar gab es im Laufe der Kirchengeschichte gesellschaftlich bedingt auch andere Modelle, aber das ist das Grundmodell, an dem Christen sich auszurichten haben. Wenn die Politik von den Christen under Muslimen mehr Dialog verlangt, dann kann es sich nicht um neutralen Austausch von Belanglosigkeiten handeln, sondern es ist immer der eigene Glaube bzw. die Frömmigkeit das Grundmotiv. Man kann sich über gesellschaftlich relevante Verhaltensweisen einigen, die aber immer schon von Glaube bzw. Frömmigkeit geprägt sind. Und das finde ich, ist der faszinierende Trick an der Rede vom Weltethos: Es unterstellt quasi aus christlicher Tradition anderen Religionen dieselbe ethische Grundlage, ethischen Ziele usw. Ich denke aus meiner christlichen Perspektive auch, dass diese vorliegen – nur wollen andere Religionen das auch sehen, dass die christliche Ethik die Marschrichtung vorgibt? 😉     

Impressum auf www.wolfgangfenske.de