Wildschweine

Wildschweine sind in die Stadt eingedrungen. Sie durchwühlen die Gärten, planschen in den Pools, futtern Gemüse, Blumen und Obst. Manche Gefahr geht von ihrem Wüten aus. Menschen schließen sich lieber ein, gehen nur hinaus, wenn sie müssen. Die Stadt plant, etwas dagegen zu unternehmen. Die Bewohner werden gebeten, im Haus zu bleiben, um sich nicht zu gefährden. Sie werden gebeten, vorher alles in Sicherheit zu bringen, damit möglichst wenig Schaden entsteht. Nun kommen die Treiber und Jäger. Aber was ist das? Aus sämtlichen umliegenden Gemeinden kommen Wildschweinliebhaber. Sie verteilen sich in allen Straßen, allen Gärten, wie die Heuschrecken sind sie aufeinmal da, Menschen, die vorher noch keiner gesehen hatte. Die Stadt verhandelt. Die Stadt sucht Auswege. Die Wildschweinliebhaber geben nicht nach. Sie locken sogar weitere Schweine an. Die Stadt gibt auf, der Bürgermeister muss zurücktreten. Die Wildschweinliebhaber verziehen sich wieder. Alles ist wie vorher. Nur schlimmer, da die Wildschweinliebhaber weitere Wildschweine angelockt und noch eine Bedingung gestellt haben: Sie ziehen nur ab, wenn auch keiner mehr ungünstig über Wildschweine berichtet. Keiner wagt es mehr. Sie kontrollieren nämlich erst die Zeitungen und die Schulen, dann die Predigten und Festtagsreden, dann setzen sie sich an die Stammtische und kontrollieren den Briefverkehr. Dann machen sie Fotos von den Gesichtern derer, die einem Wildschwein begegnen: ist es freudig erregt oder ärgerlich-ängstlich? Die Sünder werden angeprangert, die Stadt muss regelmäßig Statistiken zu Gunsten der Wildschweine herausgeben. Und die Moral von der Geschicht: Werd zum Wildschwein, dann pisackt man dich nicht. 

(Nachwort: Es geht hier nicht um die Wildschweine – denen ist ja, dem Himmel seis getrommelt und gepfiffen, nichts passiert, sondern darum, den Weg aufzuzeigen, wie weit Wildschweinliebhaber Menschen treiben können, um die Welt zu verbessern.)

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