KZ

Das Wissen um die Konzentrationslager hat mein Menschenbild sehr geprägt. Es hat mir gezeigt, wie dünn die Haut der Zivilisation und Kultur ist, wie schnell Menschen in der Lage sind, diese dünne Haut abzustreifen und ins Unmenschliche abzugleiten. Auch die Wege, die helfen, diese dünne Haut abzustreifen, sind mir deutlicher geworden: Menschen muss gesagt werden: Das nimmt dir die wirtschaftliche Not, der Einsatz für diese Sache macht dich geschichtlich bedeutsam und hebt dich aus dem Alltag heraus, du wirst mir folgen und dabei weder rechts noch links schauen, für dieses Bedeutsame willst du sterben – und dabei andere morden, du gehörst zur Gruppe der künftigen Sieger dazu, Rhetorik ist wirksam mit der dazugehörigen emotionalen Aufputschung. Das genügt freilich nicht. Es muss noch rational aufgezeigt werden, wie notwendig es ist, den anderen zu bekämpfen: er ist ein Feind, er bedroht dich, macht er es nicht öffentlich, dann heimlich, ohne dass du es weißt, er bedroht deine Familie, deinen Stamm… Und damit die Bedrohung abgewendet werden kann, darfst du nicht ausbrechen, müssen die Reihen fest geschlossen werden. Wer ausbricht, ist ein Feind seiner Gruppe, wer Verständnis für den anderen zeigt, ist ein Feind deiner Gruppe – auch wenn er zur Gruppe gehört. Das bedeutet: Es ist nicht nur ein Element aus dieser Sammlung, sondern es gehören diese Elemente und noch einige mehr dazu, die helfen, diese dünne Haut abzustreifen. Das Schlimme ist, dass viele dieser Elemente auch im Gegenteil dazu helfen, eine dickere Haut für die Menschlichkeit zu bekommen. Das wiederum bedeutet: Wenn ein Mensch anderen Menschen deutlich machen kann: Das, was du tust, ist im Grunde menschlich, auch wenn du es nicht sofort merken bzw. einsehen solltest – dann hat er sie gewonnen. Sei es für, sei es gegen die wahre Menschlichkeit. Das ist mir nämlich in meiner Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus aufgefallen: Leute, die sich ihm zuwandten, dachten, sie tun dem Volk bzw. sogar der Menschheit was Gutes, wenn sie der Ideologie folgen. Sie wollten vielfach ja auch nichts Böses, sie dachten, sie setzen sich für eine großartige, gute Sache ein… Und das macht für mich die Gefährlichkeit aller Ideologien – auch ideologischer Religionen – aus: Menschen wird vorgegaukelt, dass man das Gute erreichen kann, indem man bisherige zivilisatorisch gewachsenen Werte aushebelt. Emotionalisierung ist das Eine, das dazu beitragen kann, aber man soll die Ideologen nicht für blöd erklären: Der Verstand spielt eine genauso große Rolle: Argumente für die Unmenschlichkeit gibts zuhauf.

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