Wert 1

Ein Mensch ist wertvoll – auch wenn er nichts leistet. Theoretisch wissen wir das. Doch das gesamte Leben wird anders gelebt. Von Kind auf wird der Mensch gelobt, wenn er Gutes getan hat. Dann fühlt er sich wertvoll. Wenn er voran kommt, fühlt er sich wertvoll. Wenn dann auf einmal in das Leben etwas einbricht, das eine Leistung verhindert, eine Leistung, die vor den Augen anderer und vor den eigenen Augen bestehen kann, dann sehen wir uns als wertlos an: wenn Krankheit uns niederwirft, Trauer, Behinderungen, psychische Dunkelheiten, Versagen, berufliches Desaster… Und dann sagt der Verstand: Du bist genauso wertvoll wie vorher, dann sagt der Glaube, du bist genauso wertvoll wie vorher… Aber wir haben es seit der Kindheit anders gelernt und anders praktiziert – und dann sollen wir es aufeinmal akzeptieren? Das ist wie der Wandel eines Weltbildes. Aufeinmal muss alles, alles mit anderen Augen gesehen werden. Alles. Und das kostet Zeit, kostet Kraft, kostet Kopfzerbrechen, das zu lernen ist ein hartes Stück Arbeit: sich ganz abgeben zu können. Und nun falle ich wieder in das Leistungsdenken zurück -: und das ist eine immense Leistung. Wie man jahrelang für seinen Beruf lernen musste – und immer wieder lernen muss; wie man jahrelang Erfahrungen in seinem Hobby sammeln musste – und immer wieder neue Erfahrungen sammelt, so ist das auch in dem Lebensabschnitt, der das herkömmliche Leistungsdenken vom Thron stürzt. Es ist ein langer Prozess, in dem man wirklich von Herzen, mit allen Sinnen, mit dem Verstand erkennt: Ich bin wertvoll – auch wenn ich in den Augen anderer nichts leisten kann. Ein Prozess, der immer wieder neu erlernt werden muss – wie man sich auch im Beruf, beim Hobby weiterbilden muss. Vielleicht öffnet diese Erkenntnis aber auch jetzt schon das Auge für die Menschen, die sich wertlos fühlen. Können wir immer wieder den Teufelskreis der Leistungs-Gesellschaft durchbrechen? (Fortsetzung folgt.)

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