Bibel 2

Es gibt bei uns Menschen zwei Grundtendenzen: die einen suchen Gesetz – die anderen suchen die Freiheit vom Gesetz, genauer gesagt: die einen werden gesetzlich – die anderen libertinistisch. Die einen sagen: das alles darf man nicht – die anderen sagen: alles ist erlaubt. Das sind schon Tendenzen, die Paulus in seinen Briefen anspricht. Und da gibt es dann wesentliche Sicherungen: Jesus Christus war weder gesetzlich noch libertinistisch, die neutestamentlichen Schriften sind weder gesetzlich noch libertinistisch – und die noch nicht angesprochene Sicherung: die Gemeinde. Der Einzelne kann sich die Bibel leichter zurechtbiegen als eine Gesamtgruppe. Wenn mir etwas nicht passt – dann kann ich leicht darüber hinwegsehen. Und so habe ich mich auch immer an der Gemeinde zu orientieren, im Gespräch mit ihr, mit Menschen, die in ihrem Glauben stark sind… Aber auch Gesamtgruppen können leicht alles zurechtbiegen: so wenn sie Ideologien anhängen. Während der Naziherrschaft versuchten bekanntlich die Deutschen Christen selbst Jesus zu arisieren. Kommunisten versuchten mit ihrer Ideologie Jesus zu vereinnahmen… – aber das müssen nicht immer so extreme Ideologien sein, es können auch leichtere Zeitgeister sein, z.B. ein platter Rationalismus, ein platter „Emotionalismus“ (schönes Wort, das ich soeben erfunden habe – muss ich mir merken). Und darum muss dann die Gemeinde immer wieder neu lernen auch auf andere christliche Gruppen zu hören. Inzwischen sind wir ja in der Lage, auch auf Gemeinden weltweit zu hören. Und das kennzeichnet so ein wenig den Protestantismus in Deutschland: Wir sehen nur uns. Da hat es die katholische Kirche leichter, eine internationale Perspektive einzunehmen. Aber diesen Provinzialismus findet man auch in katholischen Gemeinden Deutschlands. Davor ist niemand gefeit. Aber das ist unsere große Chance in der Gegenwart: Christen aus Asien, aus Afrika, aus Nord- und Südamerika, aus Australien und Europa, können sehr leicht miteinander kommunizieren. Wir wissen um einander, wir hören von einander – nun muss man immer wieder lernen, auch aufeinander zu hören. Nun mag mancher denken: Ist es im Islam nicht anders? Im Wesentlichen nicht. Der einzige gravierende Unterschied ist der, dass der Grundmaßstab: Koran und Mohammed im Grunde das Gegenteil von dem sind, was wir vom Neuen Testament und Jesus Christus her kennen. Wir haben zwei Kreise, die sich in manchen Dingen überschneiden, und die gilt es herauszuarbeiten – auch wenn die wesentlichsten Dinge außerhalb dieser Gemeinsamkeiten liegen. Aber weil es eben diese Gemeinsamkeiten gibt, darf ein Dialog vernünftigerweise nie abgebrochen werden – um der Menschen willen. Freilich kann keiner übersehen, dass die Grundeinstellung beider Gruppen eine vollkommen unterschiedliche ist und die Gemeinsamkeiten eher Marginalien sind – aber dennoch: Dialog. (Fortsetzung folgt.)

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