Bibel 1

Dass in der Bibel viel drinsteht, ist lange bekannt. Dass die Bibel durch die Zeiten hindurch unterschiedliche Gewichtung bekommen hat – ebenso. Der Maßstab der Christen für die Bibel ist Jesus Christus. Also die Person – die durch seinen Geist auch heute noch wirkt. Und er wirkt auch in den neutestamentlichen Texten. Daran ist deutlich, dass die Bibel im christlichen Bereich nicht per se Gottes Wort ist, sondern dass in der Bibel Gott vernehmbar ist. Mit diesem oben genannten Glauben, dass Jesus Christus der Maßstab ist, ist immer schon die Kritik an der Bibel als Sammlung von wertvollen Büchern intendiert. Die Bibel ist kein Buch, das vom Himmel gefallen ist – sie ist eine Sammlung von Büchern, die Menschen geschrieben haben, in denen Gott wirkte, die in sich Gott wirken sahen. Das bedeutet freilich nicht, dass man leichtfertig mit diesen Schriften (bloß Menschenwort usw.) umgehn darf, sondern intendiert ist immer auch die Frage: Wo vernehmen wir angesichts des genannten Maßstabs Gottes Wort für die Gegenwart?

Hierin liegt ein großer Unterschied zum Koran: Die Bibel ist Gottes Wort – nicht in einem starren Sinn, sondern Menschen versuchen angesichts des oben genannten Maßstabs Gottes Wort zu vernehmen. Der Mensch lebt in seiner Gegenwart aus dem Geist Gottes heraus. Das bedeutet, es muss ein enges Verhältnis zwischen Gott und Mensch vorhandensein, um angesichts der Vielfalt der Situationen Gottes Wort vernehmen zu können – denn die Bibel ist ja kein Gesetzbuch.

Am Beispiel der Feindesliebe: Jesus kritisiert seine Tradition bzw. führt sie weiter: es geht nicht, dass man nur den Nächsten liebt – man solle seinen Feind lieben (intendiert ist damit eine Kritik an alttestamentlichen Worten bzw. deren Auslegung). Was das aber bedeutet, seinen Feind in einer konkreten geschichtlichen Situation zu lieben, das muss der Mensch aus seiner Beziehung mit Gott heraus klären. Die Feindesliebe ist Gebot – aber die konkrete Umsetzung ist eine lebendige. Kann man dann tun und lassen was man will – eben den Feind schikanieren, ihm gegenüber respektlos sein, willkürlich? Nein – denn eben das Gebot der Feindesliebe besteht und verhindert eine leichtfertige Missachtung. Freilich heißt eben Feindes-„Liebe“ nicht, sich dem Gegner vor die Füße zu werfen. Liebe ist anstrengend, fordert heraus, ist phantasievoll – man sieht es an Martin Luther King und an Gandhi, der von Jesus lernte. Liebe bedeutet, den Feind liebevoll zu umgarnen 😉 .

Weitergeführt: Können Christen nicht auch aus anderen Büchern Gottes Wort vernehmen? Sie können es. Nicht nur aus Büchern, auch aus Predigten, aus Romanen und Gedichten, aus dem Spaziergang in der Natur und in den Naturwissenschaften… Aber: Das, was hier als Wort Gottes empfunden wird, muss immer an dem oben genannten Maßstab gemessen werden. Und das ist bekanntlich auch der Unterschied zu Gruppen, die als Sekten bezeichnet werden: Sie haben Bücher, die als Maßstab gelten, mit deren Hilfe die Bibel beurteilt wird, z.B. das Buch Mormon… (Fortsetzung folgt.)

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