Anwürfe

Noch ein Hinweis in eigener Sache: Ich freue mich ja, wenn einige den Islam als ihr eigenes friedliches Spiegelbild ansehen. Aber haben sie bedacht, dass nicht jeder so denkt wie sie? Wenn desinteressierte Europäer die Geschichte, die Menschen Europas durchlebt haben, vergessen haben, dann heißt das doch noch lange nicht, dass andere Religionen und Völker das auch vergessen haben. (Z.B. der Anspruch auf Spanien – weil es mal muslimisch war: Allah duldet keinen Abfall eines Landes…) Wenn aufgeklärte Europäer die Religion aus den Alltag drängen wollen, dann heißt das noch lange nicht, dass alle das bereitwillig tun. Wenn unsere liebreizenden Europäer jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wollen (außer islamophobe Islamkritiker, Fleischesser, Klimasünder…), dann heißt das doch noch lange nicht, dass jeder so denkt, sondern dass der andere aktiv versucht, die Herrschaft an sich zu ziehen: die Gesellschaft wird nur selig, wenn sie nach meiner Fasson tanzt. Wenn hier die harmoniesüchtigen Europäer meinen, der Islam sei so harmlos wie ein Schoßhündchen – warum ist ihnen der Blick in alle islamisch regierten Länder keine Lehre? Warum ist der Blick in den Koran und das Hören auf diejenigen Ausleger, die das Sagen haben, irrelevant? Nicht die muslimische Nachbarin, die so friedfertig und freundlich ist, ist maßgeblich für die Auslegung des Koran und die Hadithe. Nicht der nette Händler ist maßgeblich für das Verständnis des Islam, auch nicht der ältliche gütige Buchautor und die Koran-schmackhaft-verkürzende Lehrerin. Auch nicht der zuvorkommende Tee servierende Imam. (Aber sie sind es wert, dass man ihnen auch freundlich begegnet.) Vielleicht geht mir das Leiden der Christen in islamischen Ländern zu sehr zu Herzen – aber hier haben wir in jedem dieser Länder den Maßstab dafür, wie der Islam auch in unserem Land agieren wird, wenn er sich stark genug fühlt. Die Moderaten, die es ja nach Erdogan gar nicht gibt, die werden ziemlich schnell die unfreundliche Aggression ihrer Religionsgenossen erfahren (z.B. Bahai, nehmen wir auch noch ein wenig zaudernd die Ahmadiyya dazu). Warum sehen wir denn heute schon in unserem Land überall da Muslime strenger werden, sobald ein strengerer bei ihnen als Platzhirsch auftaucht? Dann ist Schluss mit der bis dato genossenen Freiheit.

Aber all das wird gerne übersehen – weil man sein eigenes Spiegelbild im anderen sehen möchte. Sehe ich nun mein eigenes unfriedliches Spiegelbild im Islam? Mache ich ihn erst unfriedlich, weil ich selbst unfriedlich bin? Wer mir diesen Vorwurf macht, der möge beginnen a) den Koran zu lesen; b) die relevanten Stimmen aus islamischen Ländern hören; c) sich für die konkrete Situation der Menschen in allen islamischen Ländern zu interessieren; d) insbesondere für die Situation der Menschen, die den Islam in der Lebensführung und im Glauben nicht annehmen können und wollen (aufgeklärte Muslime, atheistische „Muslime“, Frauen, Christen, Journalisten, Schriftsteller…). Dann sprechen wir uns wieder. Aber bitte nicht von vornherein schon wieder – mit Mazyek – sagen: andere islamische Länder gehen uns nichts an, wir leben hier. Sicher: aber hier sieht es eben nur darum noch so aus, weil der Islam noch nicht die Mehrheit hat. Zweifel an der Aussage? Wollen moderate Muslime – die es nach meiner Erfahrung zweifelsohne gibt – wirklich in muslimischen Stadtteilen leben? – Sich auch hier mal ein wenig erkundigen führt zu interessanten Ergebnissen.

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