Schleichend 2

Und so merkt man auch als Laie kaum, dass die Rede vom dunklen Mittelalter schon ideologisierte Rede ist. In den 1000 Jahren des Mittelalters gab es unterschiedliche Zeiten, wie es in den 200 Jahren seit der Aufklärung auch dunkle Zeiten gab: National-Sozialisten und Kommunisten mit ihren Gewalttätigkeiten, die einen Vergleich mit den düstersten Abschnitten des Mittelaters nicht scheuen müssen, gab es auch und Napoleon usw. Geprägt war die Zeit des Mittelalters davon, dass man überleben musste: Hungerszeiten, Krankheiten, Wetterkapriolen… Und in dieser Zeit lebte man eben in anderen Herrschafts- und Rechtssystemen als heute. Menschheitsgeschichte ist Entwicklungsgeschichte. Es ist kein toller Kerl da, der unsere gegenwärtige glorifizierte Zeit aus dem Ärmel schütteln konnte. Wir leben aufgrund vieler Erfindungen des Mittelalters, und sei es, dass es besser ist, Vieh im Stall zu halten, weil man dadurch Dünger für die Felder bekommt. Und Dünger für die Felder bedeutete mehr Ertrag, mehr Ertrag bedeutete mehr Reichtum… Dann wird auf die böse Inquisition geschimpft. Das ist ja auch richtig, dass dieses System abgeschafft worden ist, dass all die drastischen Strafen, mit denen Menschen sich gegen Gewalttäter oder Menschen, die sich gegen die Gruppennormen verhalten haben, zur Wehr setzten, heute keine Rolle mehr spielen. Spielen sie das nicht? Ich bin der Meinung, dass das alles wiederkommt, wenn unser Wohlstand geringer wird – darum pumpt der Staat ja auch ununterbrochen Gelder in das Wirtschaftssystem, weil die Herrschaften alle Angst davor haben, dass diese heile, geblähte Welt platzen könnte. Aber eben: Es waren Strafen der Zeit. Viele von uns beurteilen die Vergangenheit aus unserer Perspektive – aber das ist dumm, weil es die Realitäten ausblendet. Und müssen wir soweit schauen, um all das noch vor der Haustür zu finden? Mafiöse Strukturen mit ihrer Gewalt, Guantanamo, Religionen mit ihren archaisch genannten Sitten und den gefallenen Stadtteilen in Europa, Sklaverei… Der Hochmut mancher gegenwärtiger Zeitgenossen zeigt, dass sie nur ihre Ideologie sehen – aber nicht die Realität.

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