Sozialisation

Die Bevölkerung ist christlich sozialisiert. Ein großer Teil ging zur Kommunion usw., ließ sich konfirmieren, ertrug den Religionsunterricht, verstand im Grunde nichts vom christlichen Glauben, weiß nur: Jesus war ein guter aber beschränkter Mann. Aber irgendwie soll man gut zu anderen sein. Diese Sozialisierung ist bei den meisten nur ein dünnes Mäntelchen. Unter der Oberfläche des deutschen Michel und der deutschen Michela brodelt der alte Adam, die alte Eva – evolutionsmäßig gesprochen: der alte Voraffe, die alte Voräffin. Der deutsche Michel und die deutsche Michela sind ruhig, so lange es ihnen gut geht, so lange keiner ihnen auf den Schlips und den Rockzipfel tritt. Einzelne werden getreten – aber das, so denken sie noch – sind Einzelfälle. Sobald aber alle einzeln Getretenen merken: Da wird ja jeder getreten – werden sie sicherlich nicht mehr so ruhig bleiben. Was werden sie tun? Sie werden auf die Obrigkeit schimpfen. Und dann? Dann wird man die Obrigkeit wieder wählen, weil man ja Schlimmeres verhindern will. Und dann? Dann sagen sich einzelne Michels und Michelas: Ich will auch lieber treten als getreten werden. Nur auf welcher Seite wollen sie stehen und mittreten? Da warten sie dann erst einmal ab: Wer könnte sich als der Stärkere erweisen? Und wenn sie das mitbekommen haben, werden sie sich auf die Seite der Stärkeren schlagen und mittreten. Auf wen? Auf die Schwächeren. Je nachdem: mit oder ohne Kopftuch.

Impressum auf  www.wolfgangfenske.de