Christenheit 7

Die Menschen, die nicht gelernt hatten zu argumentieren, die immer wieder Gewalt erfahren hatten und gewalttätig agierten, kurz: der Mob, bekam nun einen christlichen Anstrich. Nachdem die Kiche politisch anerkannt war, ging er zum Teil auf Juden los, auf Heiden und auf Christen anderer Coleur. Mob blieb auch nach der politischen Durchsetzung christlicher Ideale Mob. Gegen alte Traditionen hatten diejenigen, die es ernst meinten, immer einen harten Stand. Ähnlich heute: Franz von Assisi wird bewundert, weil er all seinen Reichtum verteilte – Nachahmer findet diese bewundernswerte Tat jedoch nicht so sehr viele. Auf der Burg in Meerseburg sieht man eine kleine dunkle winzige Kapelle – soweit ich verstanden habe fürs Gesinde. Und es gab eine große, helle, geschmückte für die Herrschaften. Das widerspricht dem christlichen Glauben kolossal. Dieser Widerspruch gegen die ureigentlichen Intentionen und Aussagen von Jesus, Paulus, Johannes und Großen der Kirchengeschichte zeigt, dass die Gesellschaft zwar Jesus Christus benennen kann, aber ihm als Gesellschaft nicht unbedingt zu folgen vermag und auch kann. Man denke nur an das Feindesliebegebot: Als Individuen ließen sich Christen hinrichten und morden. Nur wie sieht es mit dem christlich geprägten Staat aus? Darf er sich von Brutalos überrennen lassen? Und so wurden schon in früher Zeit Konzepte entwickelt, die Verteidigung des Staates mit menschlicher Kriegsführung zu verbinden suchten (überhaupt auf breiterer Ebene daran zu denken, das ist meines Erachtens auch eine christliche Errungenschaft). Dieser Versuch hat bis heute Auswirkungen in der westlichen Kampftechnik: Zivilisten müssen geschont werden… Und so gibt es ständig Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen ethischen Konzepten. Eigentlich kann das Christentum Abtreibungen gar nicht akzeptieren – dann sucht man einen Mittelweg: Man kann sie nur in einem ganz eng begrenztem Maße akzeptieren…; der Sozialkatholizismus verträgt sich nicht mit dem harten Kapitalismus – und versucht ihn zu disziplinieren. Kommunismus ist in manchen Punkten dem Urevangelium ähnlich, doch gibt es einen großen Unterschied: In der Bibel steht nichts davon, dass die Gleichheit der Menschen erzwungen werden muss – und so sucht man auch ihm einen neuen christlich geprägten Anstrich zu geben. Bildung und soziales Denken standen immer im Mittelpunkt der christlichen Kirche – und Kultur da, wo sie die Bildung förderte, wo sie der Ehre Gottes diente: in Architektur, Musik, Bildern. Skulpturen hatten es unter Christen schwer, weil sie im heidnischen Bereich dem Kult – auch dem Menschenkult dienten. Aber im Laufe der Jahrhunderte kam es dazu, dass viele Statuen die Kirchen zieren… 

So manche Christen mussten unter und durch Christen ihr Leben lassen, weil sie sich für die Maßstäbe, die Jesus und Paulus und Johannes und andere gelegt haben, eingesetzt haben. Während die christlich erzogenen Mörder (Nationalisten, Kommunisten, Kapitalisten [in unserer Zeit darf man nicht vergessen, dass auch der Kapitalismus unzählige Menschenleben kostete] …) irgendwelchen Interessen dienten: Staat, Macht, Geld, Ideologie – freilich ist das alles nicht immer so einfach zu erkennen. Manche Christen waren so extrem, dass Christentum zur Ideologie wurde und nicht mehr als lebendiger Gehorsam in Verantwortung vor Gott erkennbar war – er wurde zu einer Ideologie, die man anderen aufzwingen wollte.

Es wird deutlich: Der christlich Glaube ist sehr „filigran“, weil er – wie gesagt – Freiheit in Verantwortung vor Gott und das Leben in der Glaubensgemeinschaft immer in Waage halten muss – und dann kommt noch hinzu: er wird mit der jeweiligen Gesellschaft zusammengeführt, indem sich Menschen der jeweilige Zeit wenigstens ein wenig von der christlichen Ethik zu eigen machen.  

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