Christenheit 6

Was die Christenheit vor allem auch der Allgemeinheit gebracht hat, das war der grundlegende Gedanke, dass der Mensch frei ist: Der Mensch, nicht nur der Reiche, der Philosoph usw., der Mensch als Mensch ist frei. Er ist als Individuum frei, über sein Leben zu entscheiden. Dieser grundlegende Gedanke hängt damit zusammen, dass Jesus und auch Paulus die Menschen zu einem selbstverantworteten Leben vor Gott aufriefen. Nicht die Frömmigkeit der Tradition soll meine Frömmigkeit bestimmen – sondern die eigene Stellung zu diesem Glauben. Jeder einzelne ist vor Gott für sein Leben verantwortlich. Der Geist Gottes wird für Paulus und dem anderen großen Theologen, Johannes, eng mit der „Freiheit“ verknüpft. Das bedeutete freilich nicht, dass der Mensch ungebunden ist – sondern in seiner Bindung ist er frei. So konnte der Sklave, auch wenn er geschlagen wurde, selbstbewusst bleiben: ich bin frei, weil ich Gott gehöre, in Jesus Christus Kind Gottes bin; so auch die Märtyrer: Ihren Wert ließen sie sich nicht von der Gesellschaft vorgeben, sondern ihr Wert war durch Gott in Jesus Christus gesetzt. Nicht die Gesellschaft beherrscht mich – ich gehöre Gott. Und dieses Denken führte zu einer großen Freiheit – und gleichzeitig zur Auseinandersetzung mit dem Staat: Nicht der römische Staat steht im Mittelpunkt – sondern der Glaube an Gott; nicht dem Kaiser ist man untertan – sondern Gott; nicht dem Staatsgesetz – sondern Gottes Willen; nicht den römischen Oberen gilt die Verehrung – sondern dem Priester; man ging nicht ins Heer, nahm nicht an Opferungen teil (das war auch eine der großen Neuerungen des christlichen Glaubens: Durch den Glauben, dass Jesus Christus sich als Opfer gegeben hat, benötigte man keine Tier-, Blumen- und andere Opfer mehr. Christen opfern nicht mehr Tiere… Es gab auch heidnische Philosophen, die Opferungen nicht für gut hielten, dennoch an ihnen teilnahmen, sie konnten ihre Vorstellung nicht allgemein durchsetzen. Erst der christliche Glaube führte dazu.) Es wird deutlich, dass das frühe Christentum im Römischen Reich eine Art Parallelstruktur gebildet hat.

Neben der Betonung der Freiheit gab es gleichzeitig ein anderes Zentrum: Der Mensch ist frei – gleichzeitig ist der Mensch nicht autark, sondern eingebunden in die Gemeinschaft der Gemeinde, dem Zusammenleben mit anderen Gleichgesinnten. Und diese Auseinandersetzung bestimmt einen großen Teil der Kirchengeschichte: Freiheit und gleichzeitige Gebundenheit – Gebundenheit und gleichzeitige Freiheit. Zwischen beiden liegt ein ganz schmaler Grat und hier ein Gleichgewicht zu behalten ist äußerst schwierig. Manche Gruppen in der Kirche legen Gewicht auf Unterordnung – manche Gewicht auf Freiheit. Dieses Ringen prägt individuelle Asketen – und Menschen in Klöstern (zu Beginn wurden individuelle Asketen in klosterähnliche Räume zusammengeführt: man könnte das „individualisierte Gemeinschaften“ nennen – und später immer weiter einer gemeinsamen Disziplin zugeführt, was freilich nicht nur Auswüchse bekämpfte, sondern, wie gesehen, Europa zugute kam). Eine unterschiedliche Gewichtung dieser beiden Pole prägte zum Beispiel die römisch-katholische im Unterschied zur protestantischen Kirche (Fortsetzung folgt.) 

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