Mystik

Gestern hatte ich ein paar Worte zur Apokalyptik gesagt. Kommen wir heute zur Mystik. Wir tauchen in eine ganz andere Welt ein. Es geht nicht um den Lauf der Geschichte, nicht um die Vollendung der Geschichte in Gott usw., sondern es geht um das Individuum: die (emotionale) Einswerdung mit Gott, dem Göttlichen, dem Zentrum von allem. Das ist Teil vieler Religionen: Sich versenken, sein Selbst, sein Unterbewusstsein zu erkennen, einswerden mit Brahman, dem Weltgeist, Gleichschwingen mit dem anderen Menschen…  Vielfach wird das mit Drogen erreicht, nicht nur mit Drogen, die dem Körper zugeführt werden (auch im Schamanismus), sondern auch mit körperinhärenten Drogen. Es gibt also Tipps und Tricks, um solch ein emotionales Gefühl zu erlangen. Bekannt ist ja auch der Tanz der Derwische. Ein Stückchen von dem großen Kuchen der Mystik kennt auch die sexuelle Ekstase. Einswerden mit der Natur, Glücksgefühle des Pantheismus, als Glück im Göttlichen zu sein – all das ist (für mich) Teil der Mystik: Der Mensch strebt nach vollkommener Vereinigung.

Für die christliche Mystik war vor allem das Werk von großer Bedeutung, das von einem Dionysios Areopagita stammen soll. Der Name kommt von einem Menschen, den Paulus in Athen getauft hat (Apostelgeschichte 17). Das Werk wurde wohl von einem syrischen Mönch aus dem 5./6. Jahrhundert verfasst und führt viele mystische Traditionen zusammen, Traditionen des Neuplatonismus und von Kirchenvätern. Gregor der Große und Maximus Confessor haben es anerkannt – und so konnte es sein Siegeszug in den Klöstern antreten. Während der Neuplatonismus die Einheit der Seele mit Gott aussprechen konnte, ist für Dionysios jedoch Gott immer auch noch der Unerreichbare, der allerdings durch Reinigung und Erleuchtung erkannt werden kann – allerdings nicht im normalen Sinn „erkannt“ werden kann, sondern im christlich-spirituellen Sinn.

In der christlichen Mystik ist normalerweise Gott = Gott. Der Mensch kann sich nicht zu Gott hin schwingen. Ich kann das tiefe Meer der Mystik auch eines Meister Eckhart (13./14.Jh.) hier nicht ausschöpfen. Ich finde bei seiner Mystik hervorzuheben: Es ist der Liebe der Seele zu Gott, die in der Nachfolge Jesu Christi steht, eine kurzzeitige Einigung mit Gott möglich. Eine schmerzhafte Vereinigung der Seele mit Gott vor dem Beginn der Ewigkeit. Große Mystikerinnen kennt unsere Kultur. Hildegard von Bingen zum Beispiel, die man heute weitgehend aufgrund ihrer Kräuterkunde rezipiert, und viele andere, die die Vereinigung der jungfräulichen Seele mit dem Bräutigam Christus erlebten.

Mystische Traditionen sind überall unter Menschen erkennbar – und gehören mit zu den großartigsten Erlebnissen, die wir Menschen erlangen können. Aus neutestamentlicher Perspektive gibt es über diese Erfahrung hinaus den Glauben an den Heiligen Geist. Das heißt: Gott selbst gibt sich im Heiligen Geist den Menschen, bestimmt ihn und sein Leben. Und das kann mit solchen höchsten emotionalen Erfahrungen (im Neuen Testament „Zungenrede“ genannt) verbunden sein, muss aber nicht: der Heilige Geist äußert sich auch ganz konkret in Taten, die anderen Menschen, die der Gemeinschaft gut tun, in Taten der Liebe. Paulus reflektiert darüber vor allem im ersten Brief an die Korinther im 12.-14. Kapitel. Das bedeutet: Christliche Mystische Erfahrungen können im allgemein menschlichen Erfahrungsbereich liegen – das wird freilich korrigiert: Der Mensch kann den Geist Gottes, kann emotionale Erfahrungen des Geistes nicht herbeiführen, sondern kann diese nur als Geschenk annehmen. Und Menschen, die solche Erfahrungen geschenkt bekommen haben, stehen denen, die solche Erfahrungen nicht geschenkt bekommen haben, in nichts vor. Denn andere lieben zu können, das ist, so Paulus, die höchste Geistesgabe. 

Das bedeutet: Durch die biblisch-christliche Tradition wurden mystische Erfahrungen mit einem neuen Vorzeichen versehen und haben als solche unsere Kultur mit bestimmt. Freilich kommen in den letzten Jahrzehnten andere mystische Traditionen wieder stärker ins Bewusstsein.   

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