Christen-Nichtchristen

Heiße Diskussion auf pi: Unsere Kultur basiert auf Christentum oder nicht… Von allen Seiten ein kräftiges: Was ich sage – stimmt. Und dann wird das noch zu einem Hauptthema, von dem der Kommentator erst neutral daherkommt – doch dann auch die Katze aus dem Sack lässt. Interessante Geschichtsbilder werden da vertreten, einlinige Bilder. Geschichte ist nicht einlinig. Wir stehen nicht allein in griechischer, römischer, jüdischer, christlicher Tradition. Es ist doch immer ein Geben und Nehmen, ein Auswählen und ein Abstoßen. Auch das Christentum ist nicht ein monolithischer Block, der wie die Kaaba vom Himmel gefallen ist. Durch das Christentum wurden alte Traditionen anhand eines Maßstabes gesiebt. Es kommt nicht von ungefähr, dass zum Beispiel Stoiker- und Plato-Fans auch unter den ersten Christen dominant waren usw. usw. Aber diese Christen, die Kirchenväter mit ihrer Basis (ausgewählte Antike + biblische Tradition) – waren für die Ausbildung der Kultur Europas immens wichtig, denn das wurde in den Klosterschulen, in den sich ausbildenden Universitäten gelehrt, untersucht, weitergeführt. Die alten Griechen und Römer wurden zum Teil durch diese Filter weiter tradiert, neu ausgerichtet usw. Dann gab es Bewegungen, die ohne diese Filter die Alten verstehen wollten: Humanisten des Mittelalters; es gab Bewegungen, die den Glauben ohne den Filter der traditionellen mächtigen Kirche verstehen wollten: die Reformation. Es gab ethische Bewegungen, die Mord- und Totschlag nicht duldeten und unter Ritters- und anderen Leuten eine neue Moral durchsetzen wollten, auch hier mit dem Filter: Bibel – man lese nur das Eine oder Andere von Walther von der Vogelweide (z.B. Über alles gelobter Gott/Vil wol gelopter got) – wie in ihm ethische Kämpfe ausgefochten werden zwischen Tradition und neuem Glauben – oder lese Deutsche Sagen… Ohne Reformation und deren Emanzipationsbestrebungen und erreichten Zielen ist die Aufklärung kaum zu denken usw. usw. – das geht alles Hand in Hand, in einander über, kommt vom anderen her. Und dann kommen die Romantiker, die wieder alte germanische Traditionen in all dem Griechisch-Römisch-Christlichen suchen und dazu noch passende Erzählungen erfinden… Immer diese Enge in den Diskussionen. — Natürlich mussten die Aufgeklärten sich von ihrer Tradition distanzieren – wie die 68ger sich von ihrer Tradition getrennt haben. Jede revolutionäre Generation distanziert sich, indem sie die Errungenschaften der Vorfahren schlecht macht. Erst heute kommen wir darauf, wie die Aufgeklärten die Geschichte fälschten (dunkles Mittelalter), um besser dazustehen – alles klar und deutlich und verständlich. Wir sehen, wie die Romantiker heimlich still und leise „Traditionen“ bildeten… Geschichte ist lebendig – und die Verneinung der Bedeutung des Christlichen in unserer Kultur  scheint mir selbst gewählte Blindheit zu sein. 

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