Der Besuch

Wir haben vor ein paar Monaten Besuch bekommen. Nach ein paar Wochen fanden wir unsere Zahnbürsten zur Seite geschoben – und ihre Zahnbürsten waren leichter zugänglich hingestellt. Die beiden argumentierten damit, dass es ungerecht sei, dass unsere Zahnbürsten immer da gestanden hätten. Nun ja, wir sind freundliche Menschen und sagten: „Schön, die Ablage vor dem Spiegel hat ja genug Platz.“ Zwei Tage später waren unsere Zahnbürsten weggestellt. Der Besuch meinte, sie hätten zu wenig Platz auf der Ablage gehabt, es sei ja unsere Pflicht als Gastgeber, alles zu tun, was ihnen gut täte. Nun, wir machten gute Mine zum bösen Spiel, und freuten uns, dass es dem Besuch bei uns so gut gefällt und dass sie sich ja, wie wir immer sagten, wie zu Hause fühlten. Weihnachten stand vor der Tür. Wir begannen die Zimmer zu schmücken, da sagten die Besucher, wir sollten es unterlassen, weil sie sich dadurch nicht wohl fühlen würden, das passe nicht zu deren ästhetischem Empfinden. Ein Kerzchen erlaubten sie uns und einen Adventskranz mit drei Kerzen. Diesen Adventskranz gestatteten sie, weil er nicht symbolisch zu verstehen sei. Eine Woche verstrich, unser Besuch lud ein paar Freunde ein. Sie baten um unser Wohnzimmer, damit sie diese gut empfangen könnten. Wir erlaubten es freudig, es ist doch schön, wenn Menschen sich bei uns so wohl fühlen. Dann sahen wir, wie die Freunde des Besuchs Matratzen mitbrachten und ein wenig notwendigen Hausrat. Das wurde im Zimmer deponiert, „damit wir uns wohlfühlen“ haben sie gesagt. Nach ein paar Tagen waren die Freunde unseres Besuchs noch immer da und begannen in der Küche ihre Gerichte zu kochen. Bald hatten wir auch keinen Platz mehr am Esstisch. Da fragten wir vorsichtig an, wann sie denn gehen würden. „Wieso,“ fragte unser Besuch, „habt ihr was gegen unsere Freunde?“ „Nein, nein,“ sagten wir, „aber es ist doch unser Haus, und wir würden gerne wieder mal ins Wohnzimmer und die Küche für uns haben.“ „Was seid ihr nur für schäbige Gastgeber! Wenn ihr so fordernd seid,“ sagten sie uns, „dann holen wir noch mehr von unseren Freunden.“ Es sei sowieso schon mal gut, deren Gewohnheiten besser kennenzulernen. Denn sie würden gerne länger bleiben, da wir zwar keine guten Gastgeber seien, aber die Wohnung sei recht gut. Die Freunde unseres Besuchs wurden immer mehr. Wir konnten auch schon nicht mehr in die Vorratskammer, der Hof war sowieso schon immer mit deren Autos zugeparkt. Als wir dann wieder mal was sagten, fragten sie, ob wir eigentlich noch was zu sagen hätten, weil sie ja längst in der Mehrheit seien. Aber das Geld, das wir hätten, sei doch ganz gut, aber sie kämen auch ohne uns über die Runden. Überhaupt, das Haus hätte uns ja nie wirklich gehört. Wenn wir ausziehen wollten, dann sollten wir das Licht hinter uns aus machen und die Tür zuziehen… Ja, gehörte uns das Haus eigentlich? Gehört es nicht allen Menschen? Wie kommen wir dazu, es als unser Haus anzusehen? Als wir draußen waren, merkten wir, wie sehr wir doch die Freiheit, die Luft, die stille Ruhe der Natur vermisst hatten.

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