heilige Kühe

>Viele unterwerfen sich heute allerdings dem randalierenden Mob. Auch im freien Westen mangelt es oft entschieden an Zivilcourage. Manche westliche Schriftstellerkollegen und Kulturpolitiker konnten nicht zu einer Solidaritätsadresse an Rushdie verstehen und mäkelten lieber an seinem Schreib- und Lebensstil herum; westliche Diplomaten krochen stellenweise zu Kreuze, während Blasphemieverbote im Fahrwasser der Rushdie-Kritik wiederauflebten. … Die wahren Gotteslästerer sitzen in den Hochburgen religiösen Dogmatismus‘ und Fanatismus‘; ihnen müssen freie Gesellschaften geradezu ein Blasphemiegebot entgegensetzen, auf dass die Frommen lernen, selbst obszöne und geschmacklose Religionskritik souverän auszuhalten. Die Wehleidigkeit und Gewaltanfälligkeit der islamistischen Internationale demonstrieren, wie schwach sie im Glauben ist; auch die türkisch geführte DITIB (Türkisch-islamische Union) fühlte sich durch den Vorschlag Günter Wallraffs brüskiert, die „Satanischen Verse“ (in Wahrheit ein religionsoffenes und eher islamfreundliches Werk) in einer Moschee zu rezitieren. < http://www.welt.de/welt_print/article3197159/Blasphemie-muss-sein.html – ein Artikel zur Fatwa gegen Rushdi, die vor 20 Jahren ausgesprochen worden war.

Die Forderung eines „Blasphemiegebots“ müsste dann aber auch für die heiligen Kühe des Atheismus bzw. der modernen Zeitgeistgesellschaft gelten. Und wenn jeder über den anderen blasphemisch herfällt – ob eine solche Gesellschaft so wünschenswert wäre? Es geht mir mit dieser Frage nicht darum, dass man nicht Gott in Frage stellen darf, dass man seine Zweifel am Heiligen, geschweige denn an Institutionen äußern darf – es geht nur um die Art und Weise. Und wer von anderen fordert, dass er alles an Dummheit und Bösartigkeit ertragen soll, zu dem der Mensch fähig ist, muss auch bereit sein, sie selbst angesichts seiner heiligen Kühe zu ertragen. Tja, und da sind wir doch noch ein weites Stück von entfernt.    

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