Islam + Ethik

taz.de vom 2.9.2003; Islamwissenschaftler Ralph Ghadban:

>Wollen Sie damit sagen, dass es im Islam keine Ethik gibt? Streng genommen ja. Der Islam ist wie das Judentum eine Gesetzesreligion. Das ethische Verhalten besteht in der Befolgung des göttlichen Gesetzes, im Islam als Scharia bekannt. Das Christentum ist eine Gewissensreligion, der Mensch ist vor seinem Gewissen und Gott verantwortlich. Das irdische Gesetz wird von den moralischen Prinzipien inspiriert.

Ist im Islam von Bartstutzen bis BH-Tragen nicht alles ethisch gefärbt? Ja, das islamische Recht erhebt den Anspruch, alles zu regeln. Selbst Fragen, die mit Moral nichts zu tun haben. Aber neben der Scharia finden wir einen Bereich der Religion, der die Beziehung des Menschen zu seinem Gott darstellt und von Gewissen und moralischen Werten geleitet ist. Er kollidiert oft mit der Scharia. Dieser Bereich wurde nicht zu einem selbstständigen ethischen System entwickelt. Eine Wissenschaft der Moral, eine Ethik finden wir im Islam und der islamischen Kultur nicht. Die Islamreformer wollen diesen Mangel beseitigen.<

Soweit ich sehe, ist das äußerst knapp dargelegt, aber vom Grundsatz her akzeptabel. Eines scheint mir jedoch nicht genannt worden zu sein: Sure 3,110 „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen entstand. Ihr heißt was Recht ist und verbietet das Unrechte und glaubt an Allah.“ Mohammed spricht ganz konkret seine Gefährten an, aber jeder Muslim versteht sich als Teil dieser Gemeinschaft. Und die Gemeinschaft sagt, was Recht und Unrecht ist. Nicht der Einzelne. Und darum geraten auch Konvertiten immer in Konflikt. Sie sehen sich von Gott als geliebte Individuen, die das Recht haben, sich Gott zuzuwenden bzw. liberale/atheistische ehemalige Moslems sehen ihr individuelles Recht darin, sich von Allah abwenden zu können. Während die muslimische Umgebung dem Individuum dieses Recht nicht zugesteht, sondern als Gemeinschaft von Allah akzeptiert wird. Wie die europäisch denkenden Muslime das Dilemma lösen wollen, bleibt spannend zu beobachten. Das nicht zuletzt auch darum, weil ja unser westliches System darauf beruht, dass der Einzelne Rechte hat. Übrigens National-sozialismus und Kommunismus haben diese Individualisierung auch nicht so gerne gesehen: Alle tanzen nach einer Musik – wehe, einer tanzt aus der Reihe.