Einwand

Zum letzten „Islam verstehen“ Beitrag noch eine Bemerkung zu einem Einwand: Sicher sah es vielfach in der Vergangenheit der Kirche auch sehr gewalttätig aus. Es gibt Christen, die ihren Nationalismus über den Glauben stellen, es gibt Christen, die ihre politischen Ziele über den Glauben stellen. Doch dieses Verhalten widerspricht der Intention und den Worten Jesu. Und da stellt sich dann die Frage: Widerspricht zum Beispiel kommunistisches Vorgehen der damaligen Sowjetunion, Chinas und vieler kleiner (Alltags-)Diktatoren auch den Grundschriften? Widerspricht das Vorgehen sogenannter Islamisten den Vorstellungen des Koran und der Hadithen? Christen können gewalttätiges Vorgehen nicht mit ihrem neutestamentlichen Maßstab rechtfertigen. Sie müssen sich das Wort eines Alten aus dem 2. Jahrhundert vorhalten lassen: „Ihr habt im Neuen Testament das Feindesliebegebot – und haltet euch nicht daran.“ Können andere Religionen und Weltanschauungen das auch so sehen? Und wenn wir Westler sie daran messen: Entspricht das überhaupt ihrem Selbstbild oder wird ihnen einfach unterstellt, sie hätten auch dieses christliche Menschenbild? Dass hier so manches Land andere Vorstellungen von Menschenrechten hat als Europäer und Amerikaner, sollte doch denen zu denken geben, die allen anderen aus ihrer christlichen Tradition heraus die eigenen Maßstäbe unterstellen.

Banal gesagt: Christen sehen das Kastensystem als Übel an, Christen sehen Steinigungen als Übel an (in der Tradition Jesu: Johannesevangelium Kap. 8!) – aber muss das aus dem Blickwinkel von Hindus und Moslems übel sein? Und wenn ihre Verteidiger hier sagen: „die tun das nicht“ oder: „das ist nicht deren eigentliche Intention“, „das sind dort nur die Bösen, die das tun“, nehmen die dann überhaupt noch andere religiöse und weltanschauliche Traditionen ernst? Können sie diese überhaupt noch ernst nehmen, ohne ihnen die eigene christliche Tradition/Kultur überzustülpen? Ein Hindu, der die Kasten verteidigt, ist ernst zu nehmen, ein Moslem, der der Scharia hörig ist, ist ernst zu nehmen – und nicht christlich weichzuzeichnen.