Hitler und Islam

Huch, Spiegel-online (Plus)! http://www.spiegel.de/spiegel/david-motadels-studie-ueber-die-islamische-welt-und-das-dritte-reich-a-1186530.html

Aber der Beitrag ist nicht relevant. Er sagt nur, dass die normalen Soldaten Muslime abgelehnt hätten und keine Kenntnis vom Islam gehabt haben. Begeisterung Hitlers war vorhanden – aber man weiß nicht, warum er begeistert gewesen sei. Kaum Begründung kaum Fakten – es geht um das Buch des Historikers David Motadel, das vorgestellt wird.

Und dann am Schluss noch eine kleine Klatsche gegen Hitler-Fans: Hitler hätte eben Muslime nach Deutschland gebracht.

Was dieser Beitrag allerdings zur Folge hat: Wenn einer, was immer auch in der Vergangenheit schon belegt geschah, nun die Beziehung Hitler-Islam darstellt, wird das wohl kaum mehr als Volksverhetzung angesehen werden können.

Was denke ich? Ich denke: Hitler hat Muslime wichtig genommen, weil sie für den Kampf gegen die Engländer wichtig waren (wurde auch oben im Beitrag gesagt), zudem: Ihn dürfte imponiert haben, wie diese Religion in kurzer Zeit die Welt mit Krieg überzogen hat und weite Teile unterworfen hat. Zudem: Der Koran sagt: So und so habt ihr euch zu verhalten. Da ist das Christentum doch flexibler. Ob das stimmt? Vielleicht sollte man das Buch von Motadel lesen und nicht nur diesen Beitrag über das Buch.

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Judensau an Kirchen

Ich denke, die Judensau an Kirchen sollte entfernt werden. Sie ist Gotteslästerung. https://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/streit-um-judensau-luthersau-in-wittenberg-und-anderswo-pro-kontra-100.html

Mit entfernen meine ich nicht: Sie wegtun, denn wir dürfen auch die blasphemische Vergangenheit der Kirche nicht einfach entfernen. Sie muss als Mahnmal deutlich bleiben. Aber man kann sie mit einer beweglichen Platte überdecken, die eben dieses Versagen bekennend deutlich macht.

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Christen – kleine Leute

Nietzsche hat recht: Das Christentum hat in der Nachfolge Jesu und in der Tradition des Paulus, die Kleinen groß gemacht. Den Pöbel zur Stimme verholfen. Nietzsches Ideal war der schöne, erhabene, autarke Mensch der griechischen Skulpturen – und dem entsprach die Intention des Christentums so ganz und gar nicht. (Soweit ich Nietzsche sehe, darf man nun nicht versuchen, ihn als Christ zu vereinnahmen. Er hat wichtige Impulse gegeben. Ohne Zweifel. Tut man ihm aber nicht Unrecht, wenn man ihn auf eine bestimmte Art zu rechristianisieren versucht?: http://www.ursulahomann.de/NietzscheUndDasChristentum/komplett.html )

Christen erkennen schon sehr früh, dass sie nicht zu der Elite gehören, zu den Geistesgrößen, den Intellektuellen. Die Quelle ihres Glaubens liegt in der Beziehung zu Gott, der sich liebend und vergebend den Menschen zuwenden will.

Jesus richtete sich an die Mühseligen und Beladenen – das heißt diejenigen, die stolz sind und stark, die ihre Mühseligkeit und Beladenheit nicht erkennen, die sind auch in seinem Fokus (s.u.) – aber er kümmert sich überwiegend um die anderen. Warum auch, die Elitären fühlen sich ja stolz und stark. Diejenigen, die sich als gesund ansehen, benötigen keinen Arzt. Und so sind es nicht die Weisen und Klugen, die er in erster Linie anspricht. (Lukas 10,21ff.) Das Magnificat (Lukas 2,46ff.), das für die katholische Kirche eine so große Bedeutung hat, ist vermutlich für viele Katholiken Quelle ihres Weltbildes. Wie die gesamten Geburtsgeschichten ist sie von Erwartungen und Ansichten kleiner Leute bestimmt, von Menschen, die der Willkür der Herrschenden ausgesetzt sind. Sie setzen mit Gottes Hilfe neue Akzente – und setzen sich letztlich auch durch.

Auch Paulus weiß, dass nicht viele Große in der Gemeinde sind, sondern eben – die christliche Gemeinde war in der Frühzeit eher eine Sklavenreligion, eine Religion der Sklaven, der Leidenden und Unfreien, die aus dem Glauben heraus Kraft, Anerkennung und Freiheit empfangen haben. (Was als Hilfe diente, konnte dann unter anderen geschichtlichen Bedingungen dazu führen, Sklaverei zu verteidigen.) Bzw. sie war eine Religion der nachdenklichen Mittelschicht, die ganz schnell in die Unterschicht abrutschen konnte. Und so gründet der Glaube auch nicht auf elitäre, stolze Weisheit der Menschen – er hat seine Quelle in Gottes Kraft. Wobei freilich Paulus die Weisheit der Welt dadurch einen Stoß versetzt, dass er sagt, dass die Weisheit der Welt nie an Gott heranreicht, darum – anders als der Glaube – zu kurz springt.

Gemessen an platonischen Werken, gemessen an Aristoteles, an Cicero, an Seneca, an Werken des Sophokles – stellt sich schon die Frage: Können sich die Evangelien daran messen? Kaum. Sie sind Bekenntnisse, die Bekenntnisse kleiner Leute aufnehmen, die aber – und das darf man dann auch nicht übersehen, Literatur geprägt haben, weil sie eben in der Breitenwirkung immens waren und nicht nur in intellektuellen Kreisen zirkelten. Vermutlich mehr als großartige Werke der Antike. (Natürlich darf man nicht vergessen: Sie konnten schreiben, lesen bzw. sich in der Gemeinde vorlesen lassen. Ebenso sieht man an manchem rhetorische und philosophische Ansätze.)

Und das geht bis in die Gegenwart weiter. Die stolze Elite, die sich ihres Verstandes bewusst ist – ihn über alles andere hebt – hebt sich über die kleingeistigen Christen. Das gilt auch für die Gesunden, Starken, diejenigen, die meinen, das Leben und die Welt wartet nur auf sie, sie können ihre Zukunft planen – und sie wird entsprechend gut. Diese spricht Jesus auch an, versucht sie, für die Belange kleiner Leute zu sensibilisieren, versucht, sie einzuladen, mit ihnen Freudenfeiern zu feiern, weil Gott sie angenommen hat. Es ist eine andere Welt, in der Christen eintauchen und die Quelle, aus der sie leben – und in der diejenigen leben, die sich über diese Welt emporheben und freischwimmen wollen. Immer dann, wenn die Kirche auch zur stolzen Elite gehören wollte, zu den Mächtigen, den intellektuell Angepassten, ging es schief – zum Leidwesen vieler, vor allem zum Schaden des Evangeliums.

Aber kann man das wirklich sagen? Hat nicht die Gemeinsamkeit der Kirche mit den Herrschern und den Intellektuellen erst Kirche weitergebracht? Was wäre die große Kunst ohne die Herrscher? Was wären die großartigen philosophischen Gedankenkonstrukte ohne die Mitwirkung der jeweiligen Herrscher? Wie sehr haben auch Herrscher der Kirche geholfen, den richtigen Weg durchzusetzen? Aber wie viel Leiden hat die Anpassung mit sich gebracht, über Sklaven… – um nur dieses Thema zu nennen. Kirche zwischen Anpassung und Wiederstand. Muss man das so sehen, dass Gott auch aus dem Versagen der Kirche Gutes machen kann? Was Versagen nicht rechtfertigen soll. Was aber die Generationen, die mit dem Finger auf die Vorfahren zeigen, einmal vorsichtig machen muss, zum anderen aber auch Freiheit schenkt in Anpassung und Widerstand? Das Problem von uns Menschen besteht darin, dass wir in unserer jeweiligen Zeit eingebunden sind und wir mit den Scheuklappen der Zeit herumlaufen. Aber dabei hätten wir mit der Botschaft Jesu ein Scheuklappen-Runterreißer. Nur wenige, von denen wir noch wissen, waren in der Lage, das in der Nachfolge Jesu zu artikulieren und dann auch noch zu forcieren. Aber bevor wir wieder anfangen, mit den Fingern auf die Vorfahren zu zeigen: Wo leben wir mit zeitgebundenen Scheuklappen – und leben gegen die frohe Botschaft?

Christen wissen, dass sie auch in dem, was Liebe bedeutet, dem Anspruch hinterherlaufen. Und das zeigt auch die gesamte Kirchengeschichte, dass von der christlichen Gemeinde äußerst wichtige Impulse weltweit ausgegangen sind und auch noch ausgehen werden. Aber gleichzeitig kann das nicht hochmütig machen, weil wir eine Menge an Liebe schuldig geblieben sind, weil wir vieles aufgrund unserer Scheuklappen gar nicht wahrgenommen haben und wahrnehmen. Und so ist Vieles, was in Heimen aus der jeweiligen Zeit heraus gut gemeint und richtig gewesen ist, aus der Sicht der nachkommenden Generationen nicht richtig gewesen. Und auch aus der Sicht Jesu sicher kaum begründbar ist. Pädagogische Mittel haben sich geändert – und man fühlt sich so erhaben – doch dann sieht man auch die Mängel der eigenen Zeit. Aber: man ist verhaftet an den Mängeln der eigenen Zeit, wie alle Generationen vor uns. Manche sind so groß, neue Akzente setzen zu können – manche haben es auch geschafft, den „Zeitgeist“ zu erwischen und nachhaltiger Akzente setzen zu können. Aber im Wesentlichen gilt wohl: Es hallt das Wort – ich glaube es war Justin, der das gesagt hat – nach: Wir Christen haben das großartige Feindesliebegebot. Aber was nutzt es, wenn wir es nicht tun?

Müssen wir vollkommen umdenken lernen? Tapfer und bescheiden in der Nachfolge Jesu Christi leben?

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Weihnachtsgeschichten

Nein, so einfach ist das nicht – und so einfach bin ich auch nicht gestrickt, dass ich nicht in der Lage sein sollte, auf verschiedenen Ebenen zu denken. Einfach zu sagen: Was mit den Mitteln historisch-kritischer Exegese nachvollziehbar ist, das ist wahr – alles andere ist Lüge. Was man sich denken kann, das ist richtig, was man sich heute nicht denken kann, ist falsch.

Es ist die Sprache der Religion, die wir in den Geburtsgeschichten finden. Und es ist nicht nur poetisch zu fassen – wir stehen in der Tradition des Judentums. Gott ist nicht nur poetisch aktiv – er ist in der Geschichte aktiv. In den Weihnachtsgeschichten wird für mich der Glaube, der vom handelnden und auferstandenen Jesus Christus ausgeht, Wort. Er wird Geschichte – und er prägt Geschichte.

Die Frage ist für mich nicht: Warum haben Matthäus und Lukas (und vgl. auch Johannes 1) Geschichten, die wir heute nicht mehr als historische Ereignisse nachvollziehen können, in das Evangelium eingebracht? Die Antworten wären vielfältig – aus der damaligen Zeit heraus, weil man ein ganz anderes Denken hatte als wir heute in unserem a-theistischen Weltbild denken können. Man hatte eine ganz andere Form von Exegese usw. Meine Frage gilt also nicht den Evangelisten, sondern eher dem Heiligen Geist: Warum hat er in die Evangelien Geschichten hineinweben lassen, die Menschen zu allen Zeiten, vor allem aber im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts in ihrem Denken, das auf Historisches fixiert ist, nicht mehr verstehen werden? (Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist absichtlich so formuliert worden, denn wer weiß, wie die Menschen in Zukunft denken werden? Vielleicht erkennen sie in den Geburtsgeschichten mehr historische Wahrheit als wir heute, weil sich die Interpretation von „historisch“ und „Wahrheit“ verändert hat usw. (Zum Beispiel hat man im 19. Jahrhundert vor der intensiven Beschäftigung mit der Psychologie die Wunder anders interpretiert als in der Gegenwart mit der Psychologie.)

Meine vorläufige Antwort – eine andere habe ich zurzeit nicht:

Mit den Geburtsgeschichten haben Glaubende und Nichtglaubende ewig etwas zu rätseln und können sich an der Wirkungsgeschichte erfreuen. Und an dieser Wirkungsgeschichte habe ich Anteil.

Die Grundlage dieser Formulierung ist: Die Bergpredigt mit ihren äußerst extremen Formulierungen, die in ihrer Extremität (Auge ausreißen…) Rhetorik – Aufmerksamkeitsrhetorik – sind, aber in ihren eigentlichen Forderungen den Menschen auf den Kopf stellen: den anderen nicht beschimpfen, Frauen nicht mit begehrlichem Blick und begehrlicher Hand erniedrigen, nicht am Eigentum kleben, auch wenn er notwendig ist (Mantel), Feinde lieben – bis hin zur Selbstaufgabe. Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte Hand tut – auch so eine extreme Formulierung, die Natur des Menschen übersteigt, aber eben gegen Heuchelei gerichtet ist. Die Antithesen fordern Gemeinschaft – und versuchen die Grundlage für eine Gemeinschaft zu legen, in der man andere nicht erniedrigt. Gleichnisse, die ähnlich heftig sind, die fordern, dass man mit Ausgestoßenen und Gesetzesbrecher feiert, weil Gott ihnen vergibt, Menschen, die viel gearbeitet haben, bekommen den Lohn, den auch diejenigen bekommen, die wenig gearbeitet haben… – es tut sich eine andere Welt auf! Wir ahnen, es ist eine Welt, die schön wäre, die wunderbar wäre – aber es ist eine Welt, die wir Menschen so nie hinbekommen werden. Darum leben wir davon, dass wir einander vergeben, dass wir auf unsere Unzulänglichkeit schauen, nicht auf die anderer, dass wir Gott um Hilfe bitten, dass wir wissen: Gott allein wird letztlich diese Welt herbeiführen können – aber er will, dass wir schon jetzt das Unsere dazu beitragen.

Damit will ich sagen: Wir rätseln ja nicht allein über die Weihnachtsgeschichten, die Auferstehung, die Wunder, sondern die Lehre Jesu selbst ist es, die uns rätseln lässt. Und: Gott wird Mensch! – Das sind alles Aussagen, die Menschen seit 2000 Jahren sowohl akzeptieren als auch ablehnen. Wir leben heute ja nicht in einer Phase, in der allein die Kritiker auf dem Plan stehen. In der Kirche selbst gab und gibt es die massivsten Kritiker. Wer versucht nicht, diese Rätsel zu lösen? Und was passiert, wenn wir versuchen, uns da hinein zu arbeiten? Ihre Größe wird – zumindest mir – deutlich. Eben: Der Heilige Geist ist es, der diese Wirkungsgeschichte auch weiterhin in Bewegung halten wird. Wie das Rätsel zu lösen sein wird? Ich bin gespannt. Vielleicht ist es auch ganz einfach. Wir kommen einfach mit unserer Klugheit nicht darauf. Ich denke sogar, dass es ganz einfach sein wird.

Historisch-kritisch frage ich mich: Warum haben gerade die Evangelien, die von der Jungfrauengeburt berichten, warum haben gerade sie einen Stammbaum, der auf Josef zuläuft? Waren die Evangelisten so dumm, das nicht zu merken? Oder, was die Jungfrauengeburt betrifft: rationalistische Antworten gab es schon bei den Rabbinen (Maria wurde von einem Römer vergewaltigt und wollte es vertuschen). Es handelt sich in den Evangelien um den Glauben „kleiner Leute“. Beide Kindheitsgeschichten sind extrem herrschaftskritisch (Matthäus gegen die Willkür des Herodes – Gott geht seinen Weg gegen diese Willkür, die letztlich für Gottes Weg unbedeutend ist. Lukas sieht Augustus auch in der Macht Gottes – er lässt das Volk zählen und führt gerade darum den Erlöser wie verheißen wurde, nach Bethlehem). Nicht die klugen menschlichen Herrscher und ihr Heer an Beratern haben letztlich die Geschichte in der Hand, sondern Gott. Zudem wendet sich Lukas gegen die traditionelle Messiaserwartung, die hoffte, dass der Messias die Römer aus dem Land werfen wird – aber Jesus bzw. Gott hat ein ganz anderes Interesse, ein tiefer gehendes: Befreiung des Menschen von Sünde und Tod. Zudem sei angemerkt: Die Evangelisten haben bekanntlich nicht alles aus dem AT aufgegriffen und auf Jesus übertragen, sondern nur das, was von den Ereignissen her irgendwie passend war. So haben sie aus meiner Perspektive erst die Überlieferung der Jungfrauengeburt gehabt – und sie wurde dann im AT gesucht und gefunden (Jes 7,14). Nicht umgekehrt. Darum haben wir ja die Holpereien: Matthäus versuchte aus der Tradition seiner Zeit das Leben Jesu mit einzelnen atl. Stellen kompatibel zu machen – und dabei kam dann so etwas heraus: Jesus soll Immanuel heißen – und so kam man von Jeschua zu dem Bibelvers. Oder statt Nazarener hat er Nazoräer… Exegetisch aus unserer heutigen Perspektive nicht sauber – aus unserer heutigen Perspektive.

Wir haben hier also unterschiedlichste Ebenen, die wir fein säuberlich mit dem Seziermesser der gegenwärtigen Exegese auseinanderhalten können: Die historische Ebene – weltpolitisch gesehen (Herodes, Augustus, Israel, Städte und Dörfer und Länder: Jerusalem, Nazareth, Bethlehem; Ägypten, jüdische Messiaserwartung…). Wir haben die kleine historische Ebene von ein paar Individuen (Maria, Josef – weitere historisch korrekte Infos: Beschneidung des Säuglings usw.). Dann haben wir die Ebene der von Matthäus und Lukas aufgenommenen Traditionen und die redaktionelle Verarbeitung durch die Evangelisten mit ihrem jeweiligen theologischen Interesse. Matthäus aus der Perspektive des Josef, Lukas aus der Perspektive der Maria. Und zuletzt haben wir eben die Ebene des Glaubens, die mit unserem Verständnis von Historischem nicht kompatibel ist: die Welt der Träume, durch die Gott spricht, die Welt, in der Gottes Mächte (Engel) agieren, der Kosmos – nicht nur die Geschichte und die Menschen sind in Wallung – der Stern, der Geist Gottes, der im Hebräischen feminin ist – diese schöpferische Macht Gottes weist die Männer in die Schranken, wie auch das Johannesevangelium sagt: Geboren nicht nach dem Willen eines Mannes, sondern durch Gottes Wirken. Die Ebene des Glaubens findet in diesen Weihnachtsgeschichten wunderbar sprachlich Ausdruck. Kleine einfache Menschen werden durch Gott aus ihrer gewohnten Welt herausgerissen und lernen, sich trotz aller Gefahren zu bewähren. (Nur am Rande: Welche Infos kommen von Maria? Sie war ja noch am Leben, als sich die frühe Gemeinde zu formen begann?)

Die historische Ebene ist doch nur ein ganz kleiner Bereich unserer menschlichen Erkenntnis. Für manche ist sie alles – aber sie ist eben nur ein kleiner Bereich. Und das unterscheidet eben auch das Weltbild, das wir immer wieder in unserer Diskussion haben: Das religiöse Weltbild zieht andere Dimensionen mit heran, die das – wie sonst auch immer zu benennende areligiöse Weltbild – nicht kennt bzw. nicht in das Denken einbeziehen will. Ich sehe die Weihnachtsgeschichten heute (!) als Texte an, in denen der Glaube Wort gefunden hat. Und dann nicht nur das, sondern, um das oben genannte aufzugreifen: Dieser Glaube hat in den Geschichten Wort gefunden – und hat durch dieses Wort Geschichte wunderbare Geschichte gewirkt. Und diese gewirkte Geschichte kann dann auch ein Historiker mit den Mitteln seiner Kunst erarbeiten und nachvollziehen – auch wenn die Grundlage selbst ein Rätsel ist.

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Religiöse Sprache – Sprachspiele

1.

Unterschiedliche Wissenschaften und Gruppen einer Gesellschaft haben unterschiedliche Sprachen – neben der Alltagssprache. Mathematiker haben eine andere Sprache, Logiker haben eine, Juristen haben ihre Sprache und Mediziner, Psychologen und Naturwissenschaftler welcher Couleur auch immer, Jugend hat ihre Sprache, Alter und dann der Slang, unterschiedliche Kulturen haben ihre Art, Worte zu verwenden und – damit zusammenhängend – zu diskutieren.

2.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Inhaltlich ist das ein vollkommen unlogischer Satz. Was ist Würde? Was/wer ist Mensch? Was bedeutet unantastbar? Würde wird nicht definiert, weil es Menschen ausgrenzen würde. Man kann vor dem Bundesverfassungsgericht klagen, wenn man den Eindruck hat, dass einem die Würde genommen wird. Mensch. Was ist der Mensch? Aus welcher Perspektive? Chemie, Biologie, Soziologie, Religion, Psychologie… Eine Einengung auf eine dieser Sichtweisen wird dem Menschen nicht gerecht. Ein Ausschluss dieser Sichtweisen ebenfalls nicht. Unantastbar? Heißt das: Keiner darf sie antasten? Was heißt das aber, wenn man nicht definiert, was Würde ist, was Mensch ist? Heißt das, dass sie nicht angetastet werden darf, dass sie überhaupt nicht angetastet werden kann? Usw. Gleichzeitig ist das ein wunderbarer Satz, weil er den Menschen – den individuellen Menschen ernst nimmt. Ernst nimmt in seinen eigenen Befindlichkeiten. Er ist nicht nur Teil der Gemeinschaft und als solches wichtig, er ist als Individuum wichtig. Und so lautet die Frage immer – auch wenn wir das nicht alles so genau definieren können -: Wo werden in unserem Land Menschen entwürdigt? In schweren Grenzfällen kommt es entsprechend auch zu heftigen Diskussionen (Abtreibung, Altenpflege, Gefängnissen…).

3.

Wir sind in unterschiedlichen Sprachspielen zu Hause. Und wenn man sich nicht aus der Gesellschaft mit ihrer Alltagssprache ausschließen will, muss man versuchen, so kompatibel wie möglich zu sein. Das ist ja auch die große Angst mancher Wissenschaftler, dass sie sich so von den allgemeinen Menschen abheben, dass sie sie nicht mehr verstehen und darum nicht nur links liegen lassen, sondern sie sogar ablehnen – und damit keine Gelder durch die Politik mehr zugewiesen bekommen. Darum muss die Wissenschaft auch immer versuchen, ihre Sprache in allgemeine Sprache umzuwandeln – in andere Sprachspiele hinüberzuführen. Und das betrifft auch die Religion. Die Religiöse Sprache ist dann kein Problem, wenn Menschen in ihr zuhause sind. Sobald aber der Faden abreißt und keiner mehr die religiöse Sprache versteht, bekommt sie Probleme. Man verwendet Bilder – aber kaum einer weiß mehr, was sie meinen. Und so muss also auch Religion immer wieder versuchen, wie die Wissenschaft, sich in der jeweiligen Alltagssprache vernehmbar zu machen. Wie die Wissenschaft weiterhin Insidersprache ausbildet, so natürlich die Religion. Aber man muss über diese Insidersprache hinauskommen, um den Kontakt zur Alltagssprache nicht zu verlieren. Das betrifft aber auch den Sprung zwischen den Religionen. Wenn der islamische und christliche Kulturkreis aufeinander treffen, dann haben sie nicht dasselbe Sprachspiel (wie auch das Sprachspiel innerhalb der christlichen Konfessionen variiert und mühsam zusammengeführt werden muss) – und diesen anzugleichen dient der Religiöse Dialog.

4.

Die Religiöse Sprache besteht unter anderem aus:

  • Mythos – das heißt: der Glaube findet mit Hilfe bestimmter Bilder / Sprachmustern aus der jeweiligen Zeit die Möglichkeit, sich vernehmbar und verstehbar zu machen.
  • Gebet – Gespräch (Klage, Bitte, Dank, Hymnus…) mit Gott/Göttern
  • Segen und Fluch – Gnade Gottes / der Götter auf den Mitmenschen und sich selbst legen, sich unter die Schutzhülle Gottes legen – Fluch: Diese Schutzhülle zerstören.
  • Gleichnis – Verknüpfung von Transzendentem mit Immanenten durch Sprache,
  • Bekenntnissen – mit Hilfe der Sprache seiner Zeit und auch der Tradition das Transzendente konstatieren,
  • Argumentationen im Rahmen der Religion – aber eben auch im Rahmen der Alltagssprache. Religiöse Sprache in die Wissenschaftssprache zu transportieren, ist noch schwerer. Religion in die Sprache der Logik – welcher? – Mathematik, Medizin, Psychologie, Linguistik zu überführen – das können im Grunde nur Glaubende, die auch in dieser jeweiligen Experten-Sprache zu Hause sind.
  • Religiöse Sprache besteht auch aus anderen Fertigkeiten: Gesten (z.B. in den Arm nehmen, Hand halten), Mimik, Kunst, Musik, Architektur (Raum schaffen), Farben, Kleidung, Filme, Riten, und was für Christen immer wichtig war (auch wenn manche eher die gegenteiligen Handlungen betonen(*): teilen, sich einsetzen für Arme, Schwache, den Menschen, die Hilfe und Zuflucht benötigen, …

5.

Religiöse Sprache vermittelt auch Sinn des Lebens. Das ist aber nicht allein mit der Religion zu verbinden, sondern auch mit anderen:

  • Gott,
  • König,
  • Vaterland,
  • Familie,
  • Anerkennung in seinem sozialen Umfeld.

Darin sahen viele Vorfahren den Sinn ihres Lebens. König gibt es nicht mehr. Vaterland gibt es noch – und wenn es dem Vaterland schlecht geht, geht es auch dem Individuum schlecht. Von daher ist der Einsatz für das Vaterland auch heute noch für viele äußerst sinnvoll. Einsatz für die Familie, das Überleben des Stammbaumes, damit verbunden auch in höheren Kreisen das Bewusstsein, dass man als Familie zum Wohl der Gemeinschaft (viele auch zum eigenen Wohl) wirken muss.

Heutzutage kam manches pointiert Neue hinzu:

  • Einsatz für die eigene Karriere – damit man Ansehen hat, damit man mehr als ein gutes Auskommen hat, weil Geldbesitz und Freiheit häufig zusammen gesehen werden (also Egoismus bzw. Hedonismus).
  • Einsatz für die Menschenrechte, Einsatz für die Umwelt – das gibt dem Leben so mancher ihren Sinn (Mitleid, „Schleier des Nichtwissens“…).
  • Man setzt sich Ziele – Macht der Religion ersetzt durch Wirtschaftsethik, Wissenschaftsethik, Diskursethik…

Das bedeutet, dass Menschen ihren Sinn sehen, unabhängig von den klassischen Religionen, auch wenn sich viele, die sich für Menschenrechte und Umwelt einsetzen, auch religiös sind, wenn manche auch nicht christlich, so doch mit Hilfe eines Flickenteppichs religiöser Wohltaten (Esoterik, Wiedergeburt…) ihr Leben einrichten. Menschen wollen eher wieder auf die Erde kommen, der KarmaGedanke ist manchen angenehmer als der Gedanke, bei einem Gott zu sein, den sie nicht kennen. Oder: Man kann sich selbst sagen: Gut gemacht! Du hast dich für die gute Sache eingesetzt. Nun kannst du ruhig den Weg jeglicher Natur gehen – den des Vergehens -, und dienst recycelt der Natur.

Das bedeutet für die religiöse Sprache: Religion war dafür, dem Leben einen Sinn zu geben, das über das Irdische hinausgeht, zuständig. Das wurde von anderen Sinn-Gebungen ersetzt. Die Frage ist nun – mit Blick auf den christlichen Glauben: Wie können wir unsere Sprache so einsetzen, dass sie Menschen Heimat bietet, dass sie Menschen hilft, den zu erreichen, der die Ursache und das Ziel des Lebens ist? Geht das überhaupt nur mit Sprache – muss man dazu nicht alle Möglichkeiten (s. oben 4.) in Betracht ziehen? Wie kann man darauf aufmerksam machen, dass sie religiöse Ersatzhandlungen verfallen sind, statt sich dem wahren Gott zur Verfügung zu stellen? Aber auch das ist Ausdruck der Zeit: Statt Blumen: Plastikblumen, statt Freiheit: ein Cabrio, statt echte Nahrungsmittel: irgendwelche chemische Schnitzel, statt echten Menschen: Menschen über Geräte (TV, Radio, Handy…)…

7.

Das bedeutet nun: Diese Sprachspiele sind in der Kommunikation zu beachten. Man ist jeweils Teil einzelner Sprachspiele, niemals Teil des gesamten Spiels. Von daher sind Rücksichtnahme, Verstehensversuche angebracht, statt Dominanzgebarens.

 

(*) Geschichtsschreibung betont die Herrscher, die Macht, die Starken. Diejenigen, die im christlichen Sinn tätig waren, kommen im wesentlichen nur durch die Heiligenlegenden usw. in den Blick. Hin und wieder erlauben auch mal andere Infos einen kleinen Einblick in die christliche Alltagswelt. Von daher sind viele auch Opfer der allgemeinen Geschichtsschreibung der Sieger. Heute gehen Bemühungen tiefer: Wie können wir den Menschen des Alltags in der Geschichte auf die Spur kommen? Da hat zum Beispiel die feministische Betrachtung so manches herausgearbeitet, was für Christen wohl noch nicht so vorliegt. Ich muss aber meine Unkenntnis eingestehen. Gibt es eine christliche Geschichtsaufarbeitung „von unten“?

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Nie wieder!

Nie wieder!

Dass sich Geschichte wiederholen kann, bedeutet nicht, dass sich auf deutschem Boden unbedingt wieder eine nationalsozialistische oder kommunistische Diktatur wiederholen muss.

Geschichte bedeutet: Unterschiedlichste Gruppen ringen in jeder Gesellschaft um Macht. Und wenn eine Gruppe / Weltanschauung zu viel Macht bekommt, dann wird sie versuchen, ihre Macht immer stärker auszuweiten. Letztlich soweit ausweiten, dass Gegenpositionen nicht mehr geäußert werden dürfen.

Und die Gefahr könnte auch von Seiten von intoleranten Toleranzlern kommen. Das heißt einfach von Menschen, die sich wie jede der genannten Diktaturen als modern und fortschrittlich ausgeben und damit verbinden, alle, die nicht ihrem toleranten Gleichschritt in die ach so schöne Zukunft folgen, abwürgen.

Wachsam müssen Demokraten gegenüber all solchen Gruppen sein. Allen. Mut zur Auseinandersetzung müssen Demokraten haben.

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Sankt Martin oder Lichterfest? + Drittes Geschlecht

Nur 8,9% der Bevölkerung wären dafür, St. Martin in Lichterfest umzubenennen. 66,3% sind dagegen. http://www.focus.de/politik/videos/sankt-martin-oder-lichterfest-umfrage-zu-umbenennung_id_7833120.html

Wie würde man das Weihnachtsfest dann benennen wollen? Lichterfest 2 – oder das große Lichterfest, das Geschenkelichterfest…? Wir kennen das doch alle schon – diesen Umbenennungshype. Ein paar Leute wollen sich profilieren: https://ichsagmal.com/2008/12/07/weihnachten-in-der-ddr-ideologischer-kampf-zwischen-vaterchen-frost-und-den-himmlischen-heerscharen/

*

Ein netter Cartoon – der allerdings manche verärgern dürfte: https://www.cicero.de/karikaturen/drittes-geschlecht-bundesverfassungsgericht-gott

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9.11.1938 und 1819

9.11.1938 – Reichspogromnacht.

An diesem Tag möchte ich auch an andere Progrome erinnern – an die von 1819. Vielfach vergessen. Man darf sie aber nicht vergessen – auch sie gehören zum dunklen Kapitel unserer Geschichte: die Hep-Hep-Aufstände: http://www.heinrich-heine-denkmal.de/dokumente/graetz-hep.shtml

Im November 1819 – so lesen wir unter dem Link – ist der Judenspiegel erschienen. Ein unsägliches, aber gerade deswegen vermutlich intensiv rezipiertes Machwerk der Menschenverachtung. Menschenverachtung ist nicht allein Kennzeichen nationalsozialistischer Zeit. Sie durchzieht unsere Geschichte immer wieder und hinterlässt eine blutige Spur.

Wir müssen ungeheuer aufpassen, dass Menschenverachtung sich nicht wieder in unserem Land einnistet. In allen notwendigen Auseinandersetzungen – Menschenverachtung darf kein Eingang in ihnen finden.

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