Gottlosigkeit

In dem Band: Dietrich Bonhoeffer von A bis Z (Gütersloher Verlagshaus 2010,85) gefunden:

Gottlosigkeit

Die neue Einheit, die die französische Revolution über Europa brachte, ist die abendländische Gottlosigkeit. Sie unterscheidet sich völlig von dem Atheismus einzelner griechischer, indischer, chine­sischer und abendländischer Denker. Sie ist nicht die theoretische Leugnung der Existenz eines Gottes. Sie ist vielmehr selbst Religion und zwar Religion aus Feindschaft gegen Gott. Eben darin ist sie abendländisch.

Sie kann von ihrer Vergangenheit nicht lassen, sie muss wesentlich religiös sein. Eben dies macht sie nach menschlichem Ermessen so hoffnungslos gottlos. Die abendländische Gottlosigkeit erstreckt sich von der Religion des Bolschewismus bis mitten in die christ­lichen Kirchen hinein. Sie ist gerade in Deutschland oder auch in den angelsächsischen Ländern betont christliche Gottlosigkeit. Sie wendet sich in der Gestalt aller möglichen Christentümer, ob sie nun nationalistisch, sozialistisch, rationalistisch oder mystisch seien gegen den lebendigen Gott der Bibel, gegen Christus. Ihr Gott ist der neue Mensch. Der fundamentale Unterschied zu allem Heidentum besteht darin, dass dort unter menschlicher Gestalt Götter angebetet werden, dass aber hier unter der Gestalt Gottes, ja Jesu Christi, der Mensch angebetet wird. Die Vergottung des Menschen aber ist – recht verstanden – die Proklamation des Ni­hilismus.

(Erbe und Verfall, 1941, Ethik, DBW 6.113f)

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